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Patrizia Unger ist in der Inszenierung als Peter Pan und Gregor Schulz als Tinkerbell zu sehen. (Foto: Witzgall)

Erwachsen werden hat Zeit bis übermorgen

Immer frei sein, durch die Lüfte schweben, niemals ins Bett müssen, viele Freunde und eine starke Fee mit Zauberkraft zur Seite, die einen aus allerlei brenzligen Situationen hilft – »Peter Pan« lässt Traum zur Wirklichkeit werden. Nur eines will er auf keinen Fall: Erwachsen werden.

Das Salzburger Landestheater macht schnöde Wirklichkeit zum fantasiebunten Tagtraum, verlegt James Matthew Barries Kinderbuchklassiker, im Musicalgewand von George Stiles, ins Zirkus-Theaterzelt am Salzburger Messezentrum. Dieser Ausflug zu »Peter Pans« Nimmerland, seiner Insel, auf der alles Wirklichkeit wird, wenn man nur daran glaubt – er gerät hier nicht nur für Wendy und ihre Brüder zum knallbunt-theatralen Vergnügungshighway, sondern auch für die Premierenbesucher.

Im voll besetzten Ex-Roncalli-Zelt wimmelte es nur so vor großen und kleinen Theaterfreunden, die sich im Verlauf von Carl Philip von Maldeghems Inszenierung kaum stillhalten konnten. Wie auch. Schließlich war man tatsächlich mittendrin, statt nur dabei: Denn bespielt wird nicht nur die Manege, sondern das ganze Zelt. Über sechzig Kinder und Jugendliche (Salzburger Festspiele- und Kinderchor und vom »Circus Trainingszentrum«) strömten aus sämtlichen Eingängen (als Lost Kids, Piraten und Kriegerinnen) durchs Zelt, um wild singend und tanzend die Manege zu stürmen.

Auf einer Loge oberhalb der Bühne platziert, liefert die »Nimmerland-Band« unter der musikalischen Leitung von Wolfgang Götz und Katrin Schweiger zu den gelungenen Gesangspartien und Tanz-Choreos (Josef Vesely und Kate Watson) Musik zum Abheben. Jede Bodenhaftung geht auch bei dem Spiel des Theater-Ensembles flöten: Eine reizend verspielte und zum Brüllen komische Fee Tinkerbell (Gregor Schulz), die in ulkiger Fantasiesprache und kiloweise Feenstaub versprühend den immer richtigen Zauber parat hat, ein selbstüberschätzter Käpt’n Hook (Axel Meinhardt), der »beim heiligen Haifischzahn« so manch hinterfotzige Intrige in den Sand setzt und nicht die geringste Chance gegen Peters Klugheit und Fechtkunst hat.

Zum Verlieben gut gespielt und gesungen von Maria Strassl kommt Peters Freundin Wendy in der Inszenierung ganz groß raus: Zart-sensibel und doch kraftvoll, ihre Stimme und zugleich motorisch-akrobatisch talentiert, bringt sie alles mit, was einen aufgehenden Stern zum Leuchten bringt.

Mitreißende Präsenz und ein genialer Schlachtruf machen auch die Tiger Lily (Flora Menslin) zum Hingucker – ihre Kriegerinnen, tanzbesessen und zu allen »Schandtaten« bereit, bieten der nicht weniger energiegeladenen Piraten-Crew Paroli. Haupt-Stimmungsmacher, stimmlich und tänzerisch brillant und verblüffend gut in akrobatischen Acts an Vertikaltuch oder Bungeeseil, lebt aber die Musical-Inszenierung von Patrizia Unger als kindlicher Freigeist Peter Pan: Sie hat im besten Wortsinn alle und alles unter ihrer Fuchtel und schafft, für gut zwei Stunden zusammen mit dem Ensemble die Wirklichkeit ab.

Ein neues Nimmerland (in Katja Schindowskis Bühnenausstattung), an das zuletzt alle voller Inbrunst glauben, die neugierig und offen geblieben sind. Und einmal mehr ein Beweis dafür, wie lust- und glanzvoll Kinder und Jugendliche sich bei entsprechender Anleitung ins Profitheater einbinden lassen. »Erwachsen werden hat Zeit bis übermorgen. Ein Morgen kommt immer. Und sicher ein Bald. Lässt sich die Kindheit nicht bewahren?« Ein Rückwärtsgang ins kostbar Kindliche und unheimlich Verträumte ist noch bis zum 22. Juni zu erleben.

Informationen zu weiteren Vorstellungen und Tickets gibt es per Mail an service@salzburger-landestheater.at oder unter Tel. 0043/662/87 15 12-222.

Kirsten Benekam