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Es wagnerte bei Bruckner und Lorin Maazel

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Neuer Chef mit tiefer Verbeugung: Lorin Maazel nach seinem Einstand am Pult der Münchner Philharmoniker. (Foto: Gärtner)

Bevor der auf drei Jahre vertraglich festgeschriebene neue Chef der Münchner Philharmoniker, Lorin Maazel, mit Mahler beginnen und mit Wagner und Bruckner tags darauf fortfahren konnte, mussten er, seine Musiker und das Publikum in der Philharmonie sich allerhand Banales anhören. Am Rednerpult las die Literatur- »Tante« und immerhin auch in den Gefilden der Musik heimische Autorin Elke Heidenreich eine Rede vom Blatt, die eher das Weg- als das Hinhören verdient hatte. Schwamm darüber, täte man sagen. Wäre da nicht der Text unter der Rubrik »Auftakt« im Programmheft des Konzerts mit Wagner (»Tannhäuser«-Ouvertüre und Venusberg-Bacchanal, Vorspiel und Isoldes Liebestod aus »Tristan und Isolde«) und Bruckner (Letztfassung der Symphonie Nr. 3 d-Moll) abgedruckt.


Heidenreich tut da, mit Rufzeichen in Klammern, kund, dass der 82-Jährige schon seit seinem 11. Lebensjahr dirigiere. »Der kennt alle Musik«, sagt sie, »und es hört sich anders an, was er mit dreißig machte und was er heute macht«. O nein. Und »diese Veränderung, diese Erfahrung« sei »für ein hungriges Orchester unschätzbar«. O nein, nein, nein. Die Philharmoniker hungern? Sie hatten vorher Thielemann »satt«. Will heißen: Dieser Orchesterleiter, den sie wegschickten, hat sie gefüttert genug. Gefordert und geformt. Gefördert und – genervt? Vielleicht. Aber »hungrig« hat er sie gewiss nicht zurückgelassen.

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Dass sie, die wunderbaren Münchner Philharmoniker, die gerade auch mit einer schönen Foto-Schau an ihren übermächtigen Maestro Sergiu Celibidache erinnern, der vor 100 Jahren geboren wurde, vor weiterer Aushungerung bewahrt bleiben mögen, sei ihnen – und dem Publikum – von Herzen zu wünschen. Veranlassung dazu haben sie keineswegs. Denn Lorin Maazel ist fit. Noch sehr vital. Geht zwar nicht mehr so nonchalant ans Pult wie noch damals, als er hier »sein« BR-Symphonieorchester (zehn Jahre lang, von 1993 bis 2002) zu Erfolgen führte, aber er traut sich noch ein Mammut-Programm zu, das er allein zum Einstand im September absolviert, dass einem Hören und Sehen vergehen könnte.

Wär da nicht ein Dirigent, der einem den Atem verschlägt und das Hören und Sehen jede Sekunde des Fortdauerns der göttlichen Wagner-Klänge und der wuchtigen Bruckner-Symphonik einfordert. Seinem Markenzeichen, der Transparenz, bleibt Maazel anscheinend auch im hohen Alter treu. Ein fesselnd-entschleunigter Wagner war da zu hören, federleicht und mit Meltau benetzt, geheimnisvoll langsam, jede Süße der Verlockungen der Liebesgöttin im »Tannhäuser«-Teil erkenn-, jede Unweigerlichkeit der liebeskranken Isolde im »Tristan«-Part nachvollziehbar machend.

Lorin Maazel verstand es, mit ausgeklügeltem Raffinement die Wagnerische Sinneslust und Sterbenssehnsucht sprechen zu lassen, so weit in die Tiefe führend, dass man scheut, beide großen »T«-Opern des genialen Sachsen je wieder in einem Opernhaus erleben zu wollen. Wo einem ja eh nur – so Lorin Maazel in einem rezenten Interview – »Deprimierendes« geboten wird, wo Regisseure heutzutage glauben, das Publikum erschrecken zu müssen, um die Kunstform Oper zu retten.

Bei Anton Bruckners »Wagner-Symphonie«, der berühmt-berüchtigten »Dritten«, zeigte der hochbetagte, auswendig dirigierende Lorin Maazel sich nicht nur unglaublich sattelfest in der Wahl von Tempi und Farbgebung, nein, er versetzte das zwar nicht gerade enthusiastisch, aber stark affin zeigende Abonnenten-Publikum in eine hoffnungsfrohe Stimmung, an einen Maazel der schönen Zukunft zu glauben. Der eben manches, etwa das Extreme des »Misterioso«-Satzes, anders deutete als noch sein Vorgänger, nämlich keineswegs so schroff. Und der halt dem Allegro-Choral nicht so viel Andacht abgewinnt wie das wiederum einem von dessen Vorgängern, dem unvergesslichen »Celi«, ein inneres Bedürfnis war. Hans Gärtner