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Euphorie bei Bayerns Grünen

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Habeck und Hofreiter
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Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Robert Habeck und Anton Hofreiter, jubeln im Landtag nach den ersten Wahlergebnissen. Foto: Sven Hoppe Foto: dpa

Ein historischer Abend für die Grünen in Bayern: Die Partei wird zweitstärkste Kraft im Landtag - und ein Herz hüpft. Klar ist aber auch: Nach dem Feiern könnte es kompliziert werden.


München (dpa) - Um drei Sekunden nach 18.00 Uhr knallt es laut im bayerischen Landtag. Im Saal der Grünen-Fraktion explodieren Konfetti-Kanonen. Grüner Glitzerregen rieselt herab, Jubel brandet auf. Aus Musikboxen erklingt laut Queens »Don't stop me now«.

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Die Grünen haben bei der Landtagswahl ein historisches Ergebnis eingefahren. Knapp 19 Prozent sind es laut den ersten Hochrechnungen - so viel, wie die aus Sicht der Partei optimistischsten Umfragen vorausgesagt haben und so viel wie die Grünen im Freistaat noch nie hatten. Die Partei ist im neuen Landtag zweitstärkste Kraft hinter der CSU und weit vor Freien Wählern, AfD und SPD.

»Mein Herz hat gehüpft«, beschreibt Spitzenkandidatin Katharina Schulze den Moment, als sie die erste Hochrechnung sieht. In Dunkelgrün gekleidet strahlt sie mit den Sonnenblumen in ihrem Blumenstrauß um die Wette.

Von einem historischen Wahlsieg sprechen sie alle an diesem Abend - von Schulze über Bundeschef Robert Habeck bis hin zu Cem Özdemir und Claudia Roth: Endlich zweistellig zu werden in Bayern, das sei zwar das erklärte Ziel gewesen, sagt Roth. »Aber dass wir es so deutlich schaffen würden, hätte ich mir gar nicht erträumen können.«

In der Berliner Parteizentrale gibt es kein Konfetti, aber weiß-blaue Servietten und strahlende Gesichter - vor allem Parteichefin Annalena Baerbock ist glücklich, ist es doch die erste Wahl, seit sie und Habeck an die Grünen-Spitze gerückt sind. Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sieht den Erfolg auch als Bestätigung für den Kurs im Bund, über die Öko-Kernklientel hinaus auf die Breite der Gesellschaft abzuzielen und sich bereit zu zeigen, Verantwortung zu übernehmen.

Der bisherige Spitzenwert der Grünen bei einer Bayern-Wahl lag bei 9,4 Prozent im Jahr 2008. Vor fünf Jahren hatten sie 8,6 Prozent erreicht, wurden nur viertstärkste Kraft. »Mut besiegt Angst, gemeinsames Europa statt Bavaria First, Lebensgrundlagen erhalten statt Flächen versiegeln. Mit Inhalten gegen Populisten streiten«, schreibt Özdemir via Twitter.

»Wir haben den Wahlkampf unseres Lebens geführt. Wir haben heute eine Zeitenwende für Bayern eingeleitet«, sagt der zweite Spitzenkandidat, Ludwig Hartmann. Endlich sei die Partei zweistellig. »Nächstes Mal dreistellig«, ruft jemand aus der Menge dazwischen.

Diese Menge ist in diesem Jahr so groß wie noch nie. Sepp Dürr ist seit zwei Jahrzehnten Mitglied des bayerischen Landtags. Ob es nochmal klappt, ist fraglich. In diesem Jahr startete er von Listenplatz 42, so weit hinten wie noch nie. Soviel Andrang bei den Grünen habe er an einem Wahlabend in Bayern auch noch nie erlebt, sagt er. »Aber das ist ja das, was wir auch jahrelang leidvoll erfahren mussten: Alle wollen bei den Siegern sein.«

Doch in die Feierstimmung mischen sich ganz schnell die Fragen, wie es denn nun weitergeht. Die CSU hat die absolute Mehrheit verloren, braucht einen Koalitionspartner. Die Grünen haben immer wieder betont, Regierungsverantwortung übernehmen zu wollen. »Natürlich wollen wir Verantwortung für dieses schöne Land übernehmen«, sagt Schulze auch am Wahlabend.

In der Berliner Zentrale sagt eine Grüne, fürs Mitregieren werde es ja »leider« nicht reichen - andere sind sichtlich erleichtert, dass die CSU nach den Hochrechnungen nicht unbedingt die Grünen braucht. Schwarz-Grün fällt sowieso vielen schwer, und dann auch noch mit dem Lieblingsfeind CSU? Irgendwie reizvoll, irgendwie gruselig.

»Um die Uhrzeit kann man das überhaupt noch nicht sagen«, sagt Claudia Roth. Erstmal wolle man feiern, morgen dann weitersehen. Ähnlich äußert sich Schulze: »Mit uns kann man immer über eine gerechte und ökologische Politik reden. Nicht aber über eine antieuropäische und autoritäre Politik«, sagt sie - den Spruch hat sie schon im Wahlkampf immer wieder aufgesagt. »Aber wir freuen uns jetzt erstmal.« Sie werde jetzt vier Spezi trinken.