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Eva Kastner und Sabine Schmid gießen in Ruhpolding die Stimmung des Übergangs in Musik

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Sabine Schmid (Hackbrett) und Eva Kastner (Harfe) gestalteten in der Johanneskirche in Ruhpolding ein stimmungsvolles Konzert mit Musik und Gedichten. (Foto: Mergenthal)

»Im Herbst ist alles Übergang. Und alle Bilder sind im Schweben. Das eine zeugt vom Abgesang, das andere will uns erheben durch leuchtend bunten Überschwang« – diese Atmosphäre, wie sie die deutsche Lyrikerin Elli Michler (1923-2014) treffend beschreibt, setzten Eva Kastner (Harfe) und Sabine Schmid (Hackbrett) mit viel Feingefühl in ein stimmig komponiertes Programm um. Das Konzert unter dem Motto »Klänge für die Seele« lockte zahlreiche Zuhörer in die Johanneskirche in Ruhpolding.


Zwischen ruhigen bis sanft bewegten Stücken, von der bayerischen Volksmusik (Tobi Reiser) über südamerikanische Klänge bis hin zur Klassik, trugen die Musikerinnen abwechselnd Gedichte von Elli Michler vor. Im Gedicht »Im Herbst« tauchte vor dem inneren Auge ein alter Baum auf, der sein Werk vollbracht hat und seine Blätter allmählich verliert. Das Erfülltsein von schönen Bildern, das Nachklingen, der Übergang wird besungen. Dazu passte hervorragend der bekannte Kanon von Pachelbel.

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Kastner und Schmid verblüfften mit der Weichheit ihres Anschlags und der Art und Weise, wie sie die Wogen der Musik an- und wieder abschwellen ließen. »Amazing grace« in einem reizvollen Satz, mit dem Hackbrett zunächst in der Unterstimme und bei der Wiederholung in freien Umspielungen, schloss sich an. In »Nightingale« von der zeitgenössischen US-amerikanischen Harfenistin Deborah Henson-Conant wurde mit dem Lied der Nachtigall noch mal der scheidende Sommer besungen.

In den ausgewählten Texten und ihrer Musik zeigten die Instrumentalistinnen auch die besondere Chance dieser Zeit auf, die uns nach der Quirligkeit und Schnelllebigkeit des Sommers lehren kann, wieder gelassener zu werden. »Ich wünsche dir Gelassenheit, die Gabe, nach der du dich sehntest. Sie kam dir abhanden im Laufe der Zeit, in der du gefangen dich wähntest«, schrieb Michler. Oder wieder Stille zu finden, das Thema eines anderen Gedichtes.

Man spürte, wie sich wohltuende Ruhe in der voll besetzten Kirche immer weiter ausbreitete, unterstützt durch die nächsten Stücke, wie das gleichmäßig dahinfließende Kirchenlied »Bleib bei uns«. Das Harfensolostück des französischen Harfenisten Alphonse Hasselmans »Chanson de Mai«, das zwar eigentlich einem Frühlingsmonat gewidmet ist, wurde mit den von Eva Kastner eindrucksvoll geschmeidig zelebrierten perlenden Arpeggi, getränkt mit innig romantischem Lebensgefühl, dennoch zum kraftvollen musikalischen Bild herbstlicher Wehmut.

Die Verse unter dem Titel »Ins Gedächtnis geschrieben« widmeten sich der Übergangszone zwischen Bewusstem und Unbewusstem. An diese schwebende Stimmung knüpfte das Wiegenlied einer irischen Harfenistin an. Für zwei lateinamerikanische Titel wechselte Eva Kastner an die kleine südamerikanische Harfe. Das bekannte »El condor pasa« begann mit geheimnisvollen Harfen-Akkorden und mystisch-virtuosen Hackbrett-Tremoli voller Leichtigkeit, entfaltete seine Pracht in goldenen Klangströmen und lebte von einem wundervollen südamerikanischen »Drive«, wie auch die »Habanera gris« des kubanischen Komponisten Alfredo Rolando Ortiz.

Mit der ausdrucksstarken Komposition »Deep Inside« der Wienerin Monika Stadler für Harfe solo, dem ursprünglich für Gitarre geschriebenen spanischen Kultstück »Recuerdo de la Alhambra« von Francisco Tarrega und dem »Schlafata Landler« von Tobi Reiser wurde der Abend abgerundet, der mit Reisers »Tiefer Landler« begonnen hatte. Zum Schluss luden die Interpretinnen ihr Publikum dazu ein, »im Baum des Lebens«, wie Elli Michler es sagt, »täglich Wunder aufzuspüren«, und verabschiedeten sich mit dem englischen Volkslied »Dany Boy«.

Das Publikum, das während des Abends auf Applaus verzichtet hatte, klatschte lange und begeistert. Auf dem Heimweg wirkten diese besonderen, die Seele anrührenden Schwingungen weiter nach. Auch in ihrer Heimat Bad Reichenhall laden Sabine Schmid und Eva Kastner zu »Klängen für die Seele« ein, und zwar am Sonntag, 16. Oktober, um 19.30 Uhr in der Evangelischen Stadtkirche. Veronika Mergenthal