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Fahren Sie da bloß nicht hin!

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Städtebeschimpfungen gibt es, seit es Städte gibt. Der Grund dafür ist einfach: Wohl jede Stadt ruft die widersprüchlichsten Empfindungen hervor, die von wahrer Anbetung bis hin zu wüsten Schmähungen reichen. Auch von dem österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard (1931 bis 1989) gibt es zahlreiche Städtebeschimpfungen, die nun von Raimund Fellinger in einem Band zusammengestellt wurden: »Städtebeschimpfungen«, erschienen im Suhrkamp Verlag, Berlin. 179 Seiten. 9 Euro.


Dass Thomas Bernhard von Traunstein, wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hatte, nicht viel hielt, ist bekannt. So schrieb er in seinem autobiografischen Roman »Ein Kind« über Traunstein: … blickte man (von Ettendorf) auf die Niederungen des Kleinbürgertums hinunter, in welchem, wie mein Großvater zu sagen nicht müde wurde, der Katholizismus sein stumpfsinniges Zepter schwang. Was unterhalb Ettendorf lag, war nur die Verachtung wert. Der kleine Geschäftsgeist, der Kleingeist überhaupt, die Gemeinheit und die Dummheit. Blöd wie die Schafe scharen sich die Kleinkrämer um die Kirche und blöken sich tagaus, tagein zutode«.

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Starker Tobak, keine Frage, zumal der eben zitierten Passage mit der bitterbösen »Maiandacht« noch »ein Volksstück als wahre Begebenheit« beigefügt ist, »meiner Kindheitsstadt Traunstein gewidmet«, so Bernhard. Einer der prominentesten Fälle ist die Stadt Augsburg, die sich 1974 durch Aussagen einer Figur in Bernhards Drama »Die Macht der Gewohnheit« arg beleidigt fühlte, sagt diese doch über Augsburg: »... in diesem muffigen, verabscheuungswürdigen Nest, in dieser Lechkloake«. Dem Fall wird im Buch viel Platz eingeräumt, so sind zum Beispiel etliche Zuschriften an den Suhrkamp-Verlag und auch Zeitungsberichte aus Augsburg hier abgedruckt.

Empört zeigten sich 1968 auch Gemeindevertreter der Gemeinde Goldegg-Weng im salzburgischen Pongau, nachdem Bernhard in seinem Roman »Frost« geschrieben hatte, man könne deren Bewohner ruhig schwachsinnig nennen. »Nicht größer als ein Meter vierzig im Durchschnitt, torkeln sie zwischen Mauerritzen und Gängen, im Rausch erzeugt«. Was die Nachkommen der einst derart diffamierten Bewohner knapp 50 Jahre später auf die Idee brachte, ein eigenes Bernhard-Literaturfestival namens »Verstörungen – Ein Fest für Thomas Bernhard« zu gründen, das nun alljährlich in Goldegg-Weng abgehalten wird.

Auch Traunstein hat längst seinen Frieden mit Bernhard gemacht, angefangen mit dem 2009 abgehaltenen Thomas-Bernhard-Jahr, der Umbenennung der ehemaligen Mittermühlstiege in Thomas-Bernhard-Stiege und den von Willi Schwenkmeier geführten Spaziergängen »Auf den Spuren von Thomas Bernhard« in Traunstein. Und auch eine recht bekannte Stadt an der Seine wird es verkraften, was Bernhard von ihr hielt: »Ich finde Paris abscheulich (…) Die Heimat ist etwas Schönes. Aber alle wollen nach Paris, weil es seit zweihundert Jahren Mode ist«. Wolfgang Schweiger