Fast immer gibt es einen Weg aus der Krise

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Dr. Rupert Müller, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Freilassing, betont, Menschen in Krisen nicht alleine zu lassen.

Traunstein/Berchtesgadener Land – Menschen in Krisensituationen sollte man nicht alleine lassen, sagt Dr. Rupert Müller, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik in Freilassing. Mit seinem Team versorgt der gebürtige Traunsteiner rund 1500 Bürger pro Jahr. Der Großteil der Patienten stammt aus dem Berchtesgadener Land. Hier ist die Suizidrate bayernweit gesehen mit am höchsten. Der Chefarzt betont: Jeder Mensch könne in eine Lebenskrise geraten. 


Mit bis zu 25 Suiziden pro 100 000 Einwohner im Jahr liegt der Wert im Landkreis Berchtesgadener Land fast doppelt so hoch wie im Bayern-Vergleich. »Es gibt große Schwankungen – länderübergreifend«, betont Rupert Müller.

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Während in Russland auf 100 000 Bewohner 60 Suizide kommen, sind es in Deutschland zwölf. Die Gründe dafür seien vielfältig, aber nicht hinreichend belegt. Oft gebe es nur Vermutungen, in manchen Fällen zumindest Hinweise, wieso sich in bestimmten Regionen mehr Menschen das Leben nehmen als in anderen. Insgesamt aber seien die Suizidraten im Laufe der Jahrzehnte gefallen, sagt Müller. Hier hätten Aufklärungsarbeit und Therapien bei Depressionen Früchte getragen. Über das Berchtesgadener Land sagt er, dass es ein »alter Landkreis« sei. Das Durchschnittsalter liege höher als anderswo. »Viele Menschen vereinsamen«, weiß der Mediziner aus seiner langjährigen Erfahrung. Depressionen könnten die Folge sein. 20 Prozent aller Bürger leiden einmal im Leben an einer Depression. Dabei spiele das Alter allerdings keine Rolle.

Vor allem Stress, Abhängigkeiten von Alkohol oder Tabletten und Burnout würden Menschen dazu treiben, sich selbst schaden zu wollen. Doch der Mediziner betont, dass es aus so gut wie jeder Krise einen Ausweg gebe.

Gesellschaftlich gesehen sei das Thema noch ein von Scham besetztes, häufig wird es verstanden als »ein Ausdruck von Schwäche und von Versagen«. Aufklärungskampagnen seien hier aber ein probates Mittel. Dennoch sei die Entstigmatisierung von Betroffenen in der Öffentlichkeit noch nicht vollends gelungen.

Müller selbst hat in seinem Haus, dem Inn-Salzach-Klinikum in Freilassing, einen Versorgungsauftrag für das Berchtesgadener Land. Ob Angstzustände, Depression, demenzielle Erkrankung oder schizophrene Zustände – behandelt werden alle Patienten. Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie stellt die Vollversorgung des Landkreises mit rund 105 000 Einwohnern mit vier Stationen, einer Tagesklinik und einer Institutsambulanz sicher. Man erfülle dort einen wichtigen Auftrag, arbeite oft präventiv, um Schlimmeres zu vermeiden, betont Müller.

Er rät, immer das Gespräch zu suchen. »Wer merkt, dass ein Freund oder Familienangehöriger in einer schwierigen Lebenskrise steckt, sollte dies zu jeder Zeit ansprechen.« Vertrauen und Offenheit zu schaffen, sei eine grundlegend notwendige Voraussetzung, die auch im Gespräch mit einem Fachmann die Basis bildet.

Generell gelte allerdings: Auf Hilfe hinzuweisen und dabei zu begleiten, nütze jedem, der nach Hilfe ruft. »Lebenskrisen oder darauf hindeutende Bemerkungen zu ignorieren, ist definitiv der falsche Weg«, sagt Müller. kp


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