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Faszinierende Virtuosität

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Die Pianistin Alice Sara Ott (vorne) gab mit den »Göteborgs Symfoniker« ein beeindruckendes Konzert in der Salzburger Felsenreitschule. (Foto: Mikosch)

Das schwedische Nationalorchester, die »Göteborgs Symfoniker«, haben unter ihrem 32 Jahre jungen, finnischen Chefdirigenten Santtu-Matias Rouvali ein breit gefächertes Programm in der Felsenreitschule Salzburg präsentiert.


Zum Konzertbeginn erklang das zeitgenössische schwedische Werk »Liguria«, eine Komposition der schwedisch-italienischen Künstlerin Andrea Tarrodi aus den Jahren 2011/12. Alice Sara Ott, mit gerade mal 33 Jahren bereits ein Weltstar am Pianistenhimmel, faszinierte im Anschluss durch die eindrucksvolle Gestaltung ihres Soloparts beim Konzert für Klavier und Orchester in G-Dur von Maurice Ravel (1875 bis 1937). Nach der Pause begeisterten Rouvali und sein Orchester durch die mitreißende Interpretation von »Petruschka«, Musik von Igor Strawinsky zum Ballett in vier Bildern.

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Ein musikalischer Spaziergang durch Ligurien

Unter der fast mystisch anmutenden Kulisse der dunklen, in Blau angestrahlten Arkadengänge der Felsenreitschule entführte der Dirigent das Publikum mit Andrea Tarrodis musikalischem Klanggemälde auf einen Spaziergang durch Liguriens Landschaften am Meer. Beginnend mit Paukenwirbeln und nebeneinandergesetzten Blechbläserfanfaren entstanden vor dem geistigen Auge Berge und Klippen.

Sirrende Geigen ließen die gleißende Sonne spüren, plätschernde Flöten den Wellenschlag des Meeres, und die immer wieder aufbrausende Musik beschrieb die Brecher an den Felsenklippen. Naturgeräusche des Südens wurden eingefügt und ferner Glockenschlag und Klangcluster erweckten die Sehnsucht nach dieser friedvollen Landschaft.

Die Deutsch-Japanerin Alice Sara Ott, die bereits als Dreijährige auf dem Klavier zu spielen begann, wurde in Salzburg am Mozarteum von dem bekannten Musikpädagogen Karl-Heinz Kämmerling unterrichtet. Ihre ursprünglich geplanten beiden Klavierkonzerte von Edward Grieg und Franz Liszt hatte sie aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen müssen. Sie spielte nun an den drei aufeinanderfolgenden Abenden Ravels Klavierkonzert in G-Dur. In einer bewegenden Erklärung hatte die junge Künstlerin bekannt gegeben, dass bei ihr Multiple Sklerose festgestellt wurde.

Mit einem kräftigen Peitschenknall begann der 1. Satz von Maurice Ravels mit vielen Jazzelementen und Synkopen angereichertem Konzert, als schon die Pianistin mit wirbelnden Klaviergirlanden einsetzte. In stetem Blickkontakt mit dem Dirigenten und Musikerkollegen nahm sie ihren Dialog mit dem Orchester auf.

Mit feinstem Gespür beherrschte Alice Sara Ott die Kunst des überaus weichen Anschlags, kostete versunken langsame Passagen in sensiblen Klangfarben aus, um ihre Finger dann mit befeuernden Synkopen wieder über die Tasten fliegen zu lassen. Im langsamen 2. Satz, den das Klavier allein eröffnete, blieb das Klavier das beherrschende Instrument, von Alice Sara Ott mit sensibler Differenzierung bei intensiver Körpersprache in den Orchesterklang eingefügt. Das wilde Presto-Finale gab der Pianistin Gelegenheit, mit ihrer faszinierenden Virtuosität einmal mehr zu zeigen, dass sie Klavier auf höchstem Niveau spielt. Dem begeisterten Publikum schenkte sie anschließend eine Zugabe, angefüllt mit träumerischer Romantik: das Nocturne No. 20 von Frederic Chopin.

Auch ohne optische Darstellung ließ Strawinskys Musik einprägsam den Jahrmarkt in Sankt Petersburg im Jahr 1830 erleben, auf dem die drei Puppen eines dämonischen Gauklers auf geheimnisvolle Weise zum Leben erwachen: Petruschka, die Ballerina und der Mohr. Der hässliche Petruschka verliebt sich in die schöne, aber einfältige Ballerina, die ihrer Gefühle jedoch dem exotischen und eifersüchtigen Mohren schenkt, der den springenden, um Aufmerksamkeit buhlenden Petruschka mit seinem Säbel tötet.

Santtu-Matias Rouvali dirigiert mit Leichtigkeit

Santtu-Matias Rouvali überraschte und begeisterte zugleich mit seiner unkonventionell individuellen Art zu dirigieren. Während er in beeindruckender Farbigkeit mit seinen Musikern die Bilder dieses von Menschen, Freude und Tragik überfüllten Jahrmarkts in fesselnder Leuchtkraft differenziert entstehen ließ, verblüffte die Leichtigkeit, die er dabei ausstrahlte. Oft genügte nur ein Arm alleine oder nur ein Finger des jungen charismatischen Finnen, damit Sanftes zu Kraft, Kraft zu Wildheit und diese zu Traurigkeit wurde. Andererseits koordiniert er Arme und Finger geradezu virtuos.

Dass nach diesem packenden Klangerlebnis der Applaus kaum enden wollte, überraschte nicht. Eine gefühlvolle Zugabe des finnischen Komponisten Jean Sibelius, der »Valse Triste«, zeigte dem beeindruckten Publikum nochmals, welch wunderbarer Klangkörper mit den »Göteborgs Symfonikern« in die Salzburger Felsenreitschule gekommen war. Helga Mikosch