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Zugang oft schwierig

«Fatale Dynamik» - Flüchtlinge und der Fall Freiburg

Mord und Flüchtling: Diese Worte scheinen nach dem Tod einer jungen Frau in Freiburg im Puzzle aufgeheizter Debatten für einige genau zueinander zu passen. Sachlich betrachtet stellen sich nach der Festnahme eines 17-jährigen Flüchtlings aber neue Fragen.

Karlsruhe/Freiburg (dpa) - Viel weiß man nicht über den jungen Mann. Sein Alter ist bekannt, seine Herkunft und nun vor allem das: Er wird verdächtigt, eine junge Studentin in Freiburg vergewaltigt und ermordet zu haben. Und: Er ist Flüchtling.

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Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (UMF) aus Afghanistan, um genau zu sein. Der Fall schlägt Wellen, im Netz sind zig Hasskommentare zu lesen, markige Statements wechseln sich ab mit Aufrufen von Politikern zur Mäßigung.

«Diese bekannte Angst der Bevölkerung, jetzt kommen ganz viele junge Männer, die ganz anders sozialisiert sind, die wird durch so einen einzelnen Fall ja bestärkt», sagt die Psychologin Maggie Schauer, die an der Universität Konstanz forscht. «Aber die Generalisierung, alle jugendlichen Flüchtlinge seien so, entwickelt eine fatale Dynamik.»

Die Annahme, junge Flüchtlinge seien gewaltbereiter, lässt sich mit Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA) nicht belegen. «Die Gewaltkriminalität insgesamt ist zurückgegangen, obwohl so viele Flüchtlinge gekommen sind», erläutert Professor Jörg Kinzig, Direktor des Tübinger Instituts für Kriminologie, die Statistiken. «Bei Mord und Totschlag gab es ein Minus von 2,9 Prozent. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung ein Minus von 4,4 Prozent.» Sexualmorde wie der in Freiburg seien äußerst selten. Nur 13 Fälle gab es im vergangenen Jahr bundesweit. Statistisch gesehen werde dabei einer von einem Jugendlichen verübt - «egal, wo der herkommt».

Nach Zahlen des Bundesfachverbands unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF) leben momentan rund 64 000 solcher jungen Menschen in Deutschland. Sie werden seit dem 1. November 2015 nach einem Quotenschlüssel bundesweit verteilt und dann in Einrichtungen, Wohngruppen oder Pflegefamilien untergebracht.

Sozialarbeiter, die sich um Jugendliche kümmern, die alleine nach Deutschland kommen, wissen, dass es nicht immer leicht ist, Zugang zu den jungen Menschen zu finden. Manche von ihnen sind durch Kriegserlebnisse und Flucht traumatisiert. Ein weiteres Hindernis ist die Sprachbarriere. Denn obwohl die jungen Flüchtlinge oft schnell Deutsch lernen, reichen die Sprachkenntnisse in der Anfangsphase oft nur aus, um praktische Alltagsfragen zu besprechen.

Und viele unbegleitete Flüchtlinge entstammen Familien, in denen Gewalt eine enorme Rolle spielt. Das ist ein großes und nach Schauers Erkenntnissen ein unterschätztes Problem. In Baden-Württemberg befragten Schauer und ihre Kollegen knapp 60 junge Flüchtlinge, die alleine nach Deutschland gekommen waren. «Schockierend war: So gut wie jeder hatte auch elterliche Gewalt erlebt», sagt Schauer. Gut 40 Prozent der Befragten litten unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. «Im Grunde sind traumatisierte Menschen aber 'gefährdet, nicht gefährlich'», sagt sie.

«Der Fall in Freiburg ist eine Katastrophe und unentschuldbar - aber er hat mit Flüchtlingen nichts zu tun, sondern mit sexualisierter Gewalt, die bekämpft werden muss», sagt BumF-Referentin Ulrike Schwarz. «Wir finden es schwer, ohne Einzelfallkenntnis den Grund für diese schreckliche Tat in der Flüchtlingseigenschaft des jungen Mannes zu suchen.» Viel wichtiger wäre es aus ihrer Sicht, das Problem sexualisierter Gewalt unter Jugendlichen insgesamt zu betrachten.

Ist das so? Nicht ganz, findet Trauma-Expertin Schauer. Es liege sehr wohl eine Gefahr darin, wenn drastische eigene Gewalterlebnisse zusammenfallen mit dem Aufwachsen in gesellschaftlichen Systemen mit einem Werte-Kodex, der die Gleichwertigkeit von Frauen infrage stelle, aggressives Verhalten bestärke und die absolute Verwerflichkeit von Gewalt relativiere. «Gewalterfahrungen verändern die Psyche und das Gehirn», sagt sie.

Schauer fordert einen Paradigmenwechsel. «Am Anfang der Betreuung von Geflüchteten muss unbedingt eine viel intensivere soziale oder psychotherapeutische Betreuung stehen» - je nach Schwere des Falls eine Begleitung, bei der sie «möglichst von männlichen Mentoren klare Regeln lernen zum Thema Sozialverhalten». Schauers Schlussfolgerung: «Willkommenskultur: Ja. Aber mit Programm.»

Den Mord in Freiburg mit der Flüchtlingsproblematik in Verbindung zu bringen, findet Kriminologe Kinzig ebenso wie die Psychologin Schauer abwegig. «Mir war klar, dass viele diesen Kontext herstellen würden. Aber durch Zahlen lässt sich so etwas nicht belegen.» Viel wichtiger seien nun andere Fragen - etwa, ob die Tat in Freiburg, wie die meisten dieser Taten, eine Beziehungstat war.

«Die meiste Gewaltkriminalität kommt aus den Reihen junger Männer», sagt Kinzig. «Junge geflüchtete Männer verhalten sich wie deutsche junge Männer auch.»

Infos zum Kompetenzzentrum Psychotraumatologie in Konstanz

Kriminalstatistik 2015 des Bundeskriminalamtes