»Fehlende Begegnungen machen einsam«

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Viel zu tun haben Johanna Scheller und ihre Mitarbeiter von der Telefonseelsorge aufgrund der Coronakrise. Die Menschen fühlen sich einsam und haben mit vielen Ängsten zu kämpfen. (Foto: Reiter)

Die Coronakrise hat dazu geführt, dass sich deutlich mehr Menschen mit ihren Sorgen und Nöten an die Telefonseelsorge wenden. Dabei spiele das Thema Einsamkeit eine große Rolle, wie Religionspädagogin Johanna Scheller im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt sagt.


»Die Menschen brauchen jemanden zum Reden«, sagt die 62-Jährige. Sie leitet die Telefonseelsorge des Diakonischen Werks in Traunstein. Insgesamt hat sie über 30 ehrenamtliche Mitarbeiter, die rund um die Uhr und sieben Tage die Woche unter der Nummer 0800/1110111 erreichbar sind.

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Johanna Scheller berichtet von einer deutlichen Steigerung des Telefonaufkommens im Vergleich zu anderen Jahren. Das Thema Einsamkeit werde dabei in 27 Prozent der Gespräche genannt. Ein großes Problem sei, dass sich derzeit keine Gruppen treffen dürften. So fänden etwa keine Selbsthilfegruppen, Senioren- oder Frauenkreise oder Vereinstreffen statt. Abschiednehmen und Trauerfeiern seien nur in kleinem Kreis möglich. »Das ist vor allem schwierig für Menschen, die psychisch labil sind.«

Neben dem Gefühl der Einsamkeit würden viele Anrufer auch Ängste plagen. »Das kann in ganz unterschiedliche Richtungen gehen«, sagt die Religionspädagogin. »Angst vor Krankheit, Existenzangst oder auch Panikattacken.« Johanna Scheller betont, dass die Zahl derer, die an Depressionen leiden, deutlich zugenommen habe. »Vor allem auch bei jungen Leuten.« Das bekomme auch die Telefonseelsorge zu spüren, bei der in »normalen« Jahren kaum junge Menschen angerufen haben. »Doch das hat nun stark zugenommen«, betont die 62-Jährige. »Ihnen fehlen die Begegnungen. Und fehlende Begegnungen machen einsam.«

Doch wie hilft die Telefonseelsorge? Geben die Mitarbeiter Ratschläge, was zu tun ist? »Nein. Denn Ratschläge können auch Schläge sein. Wir hören zu und nehmen die Sorgen und Ängste ernst. Und durch verschiedene Fragen versuchen wir, gemeinsam mit dem Anrufer mögliche Schritte zu erarbeiten.« Auch wie lange ein Gespräch dauere, hänge ganz von dem Menschen auf der anderen Seite der Leitung ab. »Das können zehn Minuten sein, das kann aber auch über eine Stunde gehen«, weiß Johanna Scheller. Wichtig ist ihr zu betonen, dass alle Anrufe gebührenfrei und anonym sind. Die Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht.

Wenn sich ein Mensch einsam fühlt, dann rät sie, »in die Natur zu gehen. Das hat immer etwas heilsames«, betont die Religionspädagogin. Wichtig sei auch, sich etwa zu überwinden, mal wieder einen Menschen anzurufen, mit dem man lange nicht gesprochen hat. Oder schöne Musik hören, es sich zu Hause gut gehen lassen, was Leckeres kochen. »Selbstfürsorge ist da ein ganz großes Thema«, betont Johanna Scheller.

Wer sich trotzdem einsam fühlt, jemanden zum Reden vermisst, kann sich jederzeit unter der Rufnummer 0800/1110111 an die Telefonseelsorge wenden. KR

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