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»Fensterln ist kein Dienst am Kunden«

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Das »Scharnow-Bähnle« brachte die Touristen vom Ortszentrum in Waging raus an den Strand zum Kurhaus. Leider fuhr es nur wenige Jahre. (Fotos: Leihgabe Wembacher)
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»Die Kneippanlagen 'Am See', 'Graben' und 'Haselbrunn' werden zur Benützung wärmstens empfohlen«, heißt es in dem Buch »Waging – das deutsche Fremdenverkehrswunder«.

Waging am See – Er war ein Visionär, der Begründer des Waginger Tourismus', ehemalige Bürgermeister, Schöpfer des Strandkurhauses und Strandcampings sowie des Barockmuseums: Sebastian Schuhbeck.


2007 im Alter von 94 Jahren gestorben, hinterließ er ein gewaltiges Erbe, das zu erhalten sich sein Nachfolger Andreas Barmbichler zum Lebensziel gemacht hat.

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»Er hat aus nix was gemacht«, resümiert Schuhbecks langjähriger Vertrauter Guido Copp, der heute noch das Barockmuseum betreut. Ausgelacht worden sei Schuhbeck, als er die Idee bekannt machte, ein Kurhaus bauen zu wollen. »An Kuahstoi werst baun, aber koa Kurhaus«, habe ein Bauer Schuhbeck damals nachgerufen. Doch dieser sollte recht behalten.

Wertvollen Grund gegen nasse Wiesen getauscht

Von den Bauern wurde er als Spinner bezeichnet, als er wertvollen landwirtschaftlichen Grund gegen nasse und nicht zu bewirtschaftende Flächen am See tauschte. Doch die legte er trocken, und so begann der beispiellose Siegeszug des Strandcampingplatzes.

»Er hat es gewagt, von Landwirtschaft auf Tourismus umzusteigen«, erklärt Andreas Barmbichler im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Schuhbeck sei nach dem Krieg aus russischer Gefangenschaft heimgekehrt und wurde bereits 1948 zum Bürgermeister gewählt. Dieses Amt hatte er bis 1953 inne. Und ja, »a bisserl verrückt war er schon im positiven Sinne«, sagt Barmbichler.

Vertrag mit Scharnow, ohne die Betten zu haben

Wilhelm Scharnow, Reiseveranstalter aus Bremen und TUI-Mitbegründer, wollte seinerzeit nach Ruhpolding, geriet aber nach Waging. »Mit dem hat er einen Vertrag gemacht über Sonderzüge, ohne, dass er die Betten gehabt hätte. Und dann ist er von Haus zu Haus gezogen und hat die Leute überzeugt, mitzumachen«, sagt Barmbichler.

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»Die Kneippanlagen 'Am See', 'Graben' und 'Haselbrunn' werden zur Benützung wärmstens empfohlen«, heißt es in dem Buch »Waging – das deutsche Fremdenverkehrswunder«.

Aus seiner eigenen Kindheit auf einem Bauernhof erinnert sich Barmbichler, wie Eltern aus dem Schlafzimmer in kleine Kammerln zogen, die Kinder zur Oma ins Zuhaus, damit Platz war für die Gäste. Aber natürlich habe auch er sich als Kind immer gefreut über die Gäste. »Die waren so modern angezogen, die haben Guatln dabei gehabt, haben uns mitgenommen zu Ausflügen und manchmal durften wir mit zum Essen gehen. Das war schon etwas ganz Besonderes damals.«

Scharnow brachte also Leute, und zwar jede Menge. Und nachdem die Saison 1952 gut lief – laut Chronik waren es 38 000 Übernachtungen – gab es im Jahr darauf beinahe doppelt so viele Betten. Es entstanden ein Verkehrsbüro, ein Lesesaal und das Kurhaus am See. Relativ schnell sei der Tourismus im Ort damals gewachsen. »Die meisten Bauern und jeder, der ein Häusl hatte, verdienten sich so etwas dazu. Die Hotels am Ort entstanden, die Post, der Wölkhammer oder der Unterwirt«, erinnert sich Barmbichler.

Felber war kein Waginger, der war aus Nirnharting

Scharnow wurde nicht nur Ehrenbürger der Gemeinde, er wurde auch Ehrenmitglied des TSV Waging. Sogar ein Sport-Stadion und eine Straße benannte man nach ihm, die vormalige Ludwig-Felber-Straße. »Der Felber war der Steuermann vom Luftschiff Hindenburg«, erklärte der damalige Bürgermeister Schuhbeck dazu. »Der war kein Waginger, sondern aus Nirnharting. Wenn er ein Waginger gewesen wäre, hätten wir uns natürlich gehütet, die Straße umzutaufen.«

Abgeholt wurden die Gäste am Bahnhof früher von den Vermietern, zunächst mit Handwagerln fürs Gepäck. »An die Gschicht' kann ich mich noch gut erinnern«, sagt Lydia Wembacher. Mit dem damaligen Leiter der Tourist-Info, Wolfgang Eckerlein, und Claudia Schemmer erstellte sie zunächst eine Ausstellung und daraus später für den Verein »Waging bewegt« das Buch »Waging – das deutsche Fremdenverkehrswunder«. »Eine frühere Vermieterin hat mir dabei von ihrem Scherz mit den Gästen erzählt: Ihr Wagen stünde draußen. Das gab lange Gesichter, als sie das Handwagerl gesehen haben.«

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Im Kapitel »Gäste und Gastgeber« geht es um eine Untersuchung Scharnows aus dem Jahr 1962. Derzufolge war damals ein Großteil der Urlauber Frauen: »Darf man sich wundern, wenn bei diesen Gegebenheiten samstags und sonntags die Motorräder und Personenwagen, nur männlich bemannt und mit freien Sitzen, von allen Seiten in Richtung Waging rollen?« zitiert das Buch aus der Chronik.

Schuhbeck war es – ebenso wie dem Verkehrsverein – wichtig, dass sich die Gäste wohlfühlten. Dazu gehörte sein Einsatz für die Qualität der Zimmer. Das betraf sowohl die Größe – »In einem Falle musste der Mann, während seine Frau am Waschtisch stand, übers Bett kriechen, um zur Tür zu gelangen« – als auch die Sauberkeit: »Es kamen Meldungen, dass man auf Kommoden oder Schränken im Staub seinen Namen schreiben konnte.« Und so formulierte er als Mindeststandard »frische, saubere Bettwäsche, gute, nicht durchgelegene Matratzen, ein 1,90 Meter langes Bett, ein genügend großes Zimmer, ein Schrank darin mit Tisch und Stühlen und sauberen Handtüchern.«

Der Massen-Tourismus veränderte manches am Ort: So kritisierte der Verkehrs-Verein Geschäftsleute, die aufgrund der Gästeflut die Preise erhöht hatten. So appellierte Josef Benkert der Chronik zufolge, gut zu kalkulieren, damit »nicht nur Textilien auswärts gekauft werden, sondern vielleicht auch noch notwendigste Lebensmittel«. Aber auch die Konsumenten kritisierte er: »Muss es denn sein, dass das viele Geld, das hereinrollt nach Waging, sofort wieder hinauswandert, ohne dass es sich nur ein einziges Mal hier umgesetzt hat?«

Jeden Tag gab es für die Gäste ein Unterhaltungsprogramm, ab 1953 im Kurhaus etwa Begrüßungs-, Heimat-, bayerische Abende oder Tanzabende. Die Annäherung zwischen Einheimischen und Gästen wurde auch gefördert durch den »Preußen-Bayern-Tanz«, wie das Reisemagazin Unterwegs berichtete.

Auch auf das Fensterln ging die Zeitschrift ein: »Kein Wunder, dass in Waging keine Leitern mehr aufzutreiben sind.« Dagegen warnte Schuhbeck, man solle nicht annehmen, diese nächtliche Annäherung sei »Dienst am Kunden«.

»Irgendwann entstand die Idee des Campingplatzes«, sagt Andreas Barmbichler. Wembachers Buch und damit der Chronik zufolge ist der Schwanenplatz seit 1952 im Besitz der Familie Beeker, und der anfangs zwei Hektar große Strandcampingplatz wurde 1953 abgenommen vom Internationalen Campingclub. Bereits 1964 waren von Mitte Juli bis Anfang August 4870 Gäste in Waging, darunter 3000 Campingurlauber. 2008 waren auf den drei Campingplätzen in Waging auf 1600 Stellplätzen 240 000 Übernachtungen zu verzeichnen – zwei Drittel der gesamten Übernachtungen am Ort.

Entweder man liebt Camping oder man hasst es

»Das Camping«, so sagt Barmbichler, »liebt man entweder oder man hasst es, dazwischen gibt es nichts.« Die Camper schätzten schon seit Anbeginn an nicht zuletzt die Freiheit, aufstehen und essen zu können, wann sie wollen, ohne vorgegebene Frühstückszeit. Kinder fänden sich ungezwungen zusammen, aber auch Erwachsene. Und es sei eine ganz andere, für viele deutlich ungezwungenere Atmosphäre, als daheim. »Ich find das einfach schön, wenn ich mal eine Runde drehe und da sitzt der Multimillionär ganz ungezwungen mit dem Arbeiter an einem Tisch beim Bierchen, und keiner weiß, was der andere macht, aber das ist auch gar nicht wichtig.« Und so ist der Waginger See noch heute ein beliebtes Ziel von Campern und anderen Urlaubern aus allen Ländern und allen sozialen Schichten. coho

 

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