Fetzige Musik wärmt wie inneres Lagerfeuer

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Auch mit den Auflagen, die die Nähe und Bewegungsfreiheit einschränkten, genossen viele das »Feeling wie vor Corona«. (Foto: Mergenthal)

Strahlende Gesichter, die die am Anfang noch die Abendsonne wärmte, bunte Wimpel, knackiger, gechillter Rocksound und Refrains zum Mitsingen, zumindest Mitsummen – alles passte beim kulturellen Neuanfang beim Open-Air-Konzert vor dem Magazin3 in Bad Reichenhall zusammen.

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Nach über sieben Monaten Lockdown-Pause hatte das Team des Sternenzeltvereins zum ersten von drei geplanten Open Air Konzerten der neuen Reihe »Unter den Lindenbäumen« eingeladen. Etwa 85 musikbegeisterte Menschen, die meisten Stammgäste, kamen. Eigens für diesen Anlass hatte sich die Formation »Campfire« um den begnadeten Salzburger Sänger und Musiker Stefan Schubert zusammen gefunden und hatte jede Menge Lieder im Gepäck, die gerne am Lagerfeuer gesungen werden.

Eingangs zollte Kulturreferentin Monika Tauber-Spring dem Verein Respekt für sein »beachtliches« Durchhaltevermögen und für den ehrenamtlichen Beitrag zum kulturellen Leben der Stadt Bad Reichenhall über Jahrzehnte, und Sternenzelt-Urgestein Freed Zuhra begrüßte die Gäste. Die Wiederöffnung war um einiges aufwändiger als die nach dem ersten Lockdown vor einem Jahr und 20 bis 25 Helfer waren im Einsatz.

Mit »Shelter from the Storm« von Bob Dylan eröffnete die Band das Konzert. Frontmann Stefan Schubert erinnerte daran, dass dieser US-amerikanische Rockpoet, der jüngst 80 Jahre alt wurde, und sein nordirischer Kollege Van Morrison schon im Innenhof der Saline auftraten. Zwischendrin streuten er und Kontrabassist Alex Meik immer wieder Anekdoten ein, vor allem von Van Morrison. Dieser habe sich auf der Anreise für ein Konzert in Bad Reichenhall – im entliehenen Privatflieger von Elton John – mit seiner Frau so zerstritten, dass sie umgedreht habe.

Es habe geregnet wie in Strömen. Wasser sei durch ein Loch im Bühnendach auf Van Morrissons Hut gelaufen und sei in alle Richtungen gespritzt worden. »Wie in Marmor gemeißelt« sei der Musiker dennoch dagestanden, bis er auf einmal wild zu fuchteln angefangen habe. Der Grund dafür war kein Temperamentsausbruch, sondern, dass ihm der Schlagzeuger zu langsam spielte! »Er schreibt so wahnsinnig scheene Lieder, man glaubt net, wia zwieda der sei ko«, verriet Schubert.

Die Band feierte diese Hymnen, wie »Days like this«. Vor allem Dylan-Evergreens gewährte sie mit überschäumender Spielfreude viel Raum – von »Like a Rolling Stone« über »Don't think twice« bis hin zu einem federnden »Knocking on Heavens Door« mit tollen Gitarren-Impros.

Die vier ganz unterschiedlichen Stimmen der Musiker ergänzten sich perfekt. Gitarrist Jani Holzer traf im Duo mit Schubert in »Mrs. Robinson« den 60er-Jahre-Schmelz von Simon & Garfunkel gut, interpretierte mit seiner tollen, wandlungsfähigen Stimme auch Amy Winehouses »Valerie« exzellent. Dem humorvollen Mann am Kontrabass, Alex Meik, gelang, über sein Instrument gebeugt, im »Mo Better Blues« ein Basssolo vom Feinsten. Mit seiner herrlichen hohen Stimme imitierte er im Klassiker »You can't always get what you want« Rolling-Stones-Frontman Mick Jagger exzellent. Für den mitreißenden Drive, der viele zu einem wärmenden »Ausdruckstanz im Sitzen« anstachelte, sorgte am Schlagzeug einfühlsam und gekonnt Camillo Mainque Jenny.

Guter alter Rock 'n' Roll wurde mit »Flip flop & Fly« von den Blues Brothers zelebriert. Das Herz ging über bei »Hotel California« von den Eagles, ein inneres Feuer wärmte die frierenden Körper und die musikdurstigen Seelen. Auch die australisch-neuseeländische Formation »Crowded House« und die US-amerikanische Legende J.J. Cale, der Schubert mit wunderbar kehligem Stimmansatz in »Call me the Breeze« seine Reverenz zollte, zählen zu den Lieblingen der Band. Mit den Hits »So lonely« von »The Police«, »Brown Eyed Girl« mit Publikums-Mitsing-Teil von Van Morrison, bei dem Freed Zuhra mitspielte, und »El camino« klang ein perfekter Abend aus. Veronika Mergenthal

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