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Feuriger Blues vom klaren Isarwasser

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Ganz nah an seinem Publikum dran war Willy Michl bei seinem ersten Konzert in Inzell. (Foto: Mergenthal)

Im Geist von »Liebe, Respekt und Ehre« gegenüber allen Wesen, in dem seine »roten Brüder« leben, stand das Konzert von »Isarindianer« Willy Michl im Alpenhotel Bayerischer Hof in Inzell. Nur mit seiner akustischen Gitarre und seiner kraftvollen Stimme gab der bayerische Bluesbarde nun eines seiner legendären »Unmiked-Konzerte« ohne Mikrofon.


Unmittelbarkeit, Feuer und Leidenschaft prägten diesen Auftritt von Anfang an. Obwohl der Saal über eine stattliche Bühne verfügt, wollte der 65-Jährige, der immer in selbst entworfener Indianerkleidung mit Adlerfedern im Haar auftritt, lieber auf einer Ebene mit seinen etwa 70 Zuhörern sein. Willy Michl gilt als Urheber des bayerischen Blues und als erster deutscher Indie-Musiker – Indie von »independent«, also unabhängig von der Plattenindustrie.

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Viele Anekdoten und das ganze Leben

Fast sein ganzes Leben und zahlreiche Anekdoten erzählte er in Inzell im Licht der indianischen Weltbetrachtung. So seien seine Ex-Frau Eva Michl und seine Ehefrau Cora Michl, die er wie Ehrengäste begrüßte, mit ihm seit vielen Jahren »on the road«: »So ist das Leben.« Und der »Klaus Maxei« von der Mitterkaseralm am Jenner sei in Wirklichkeit ein Medizinmann: »Sein Geist lebt immer weiter.« Michl schilderte köstlich alpin-indianisch dramatisierend, wie der inzwischen verstorbene Wirt »im Sonnenlicht an der warmen Nordwand des Mitterkasers« lehnte und in einer lokalen Auseinandersetzung zwischen den Skiclubs einen seiner trockenen Aussprüche tat.

Mal schwelgte der exzellente Instrumentalist in poetischen Balladen wie »Im Land Nepal« oder erzählte zu seinen markanten Gitarren-Figuren auf berührende Weise von seiner Begegnung mit dem berühmten Produzenten der Nachkriegszeit Gerhard Mendelson, der ihn ermutigte, sich treu zu bleiben. Michl war der letzte Musiker, mit dem er vor seinem Tod 1976 zusammenarbeitete. Mal ging er über in wilden Rock 'n' Roll, den er seit seiner Jugend in den Soul- und Jazzclubs der Besatzungssoldaten in München im Blut hat, und ließ seine dezent verstärkte, nur an manchen Stellen die Stimme etwas überlagernde Gitarre vibrieren.

Der Höhepunkt des ersten Teils war ein 42-minütiger »Talking Blues« des begnadeten Entertainers, in dem er zu Klassikern wie »Dock of the bay« von Otis Redding oder »Walk on the wild side« von Lou Ree einfach spontan dahin plauderte – von seiner Begegnung mit einem Fisch im klaren Isarwasser, von seiner sexy Englischlehrerin, dem »Inbegriff unserer pubertären Knabenträume«, von seiner Fahrt nach Amsterdam, wo er zuerst in einer Hippie-Kommune und dann im Gefängnis landete, und von seiner Zeit bei der Gebirgstruppe in Garmisch.

Immer wieder abgefahrene Bluesgesänge

Im zweiten Teil erinnerte Michl mit »Blues goes to Mountain« an seinen Zitherspieler Friedl Lichtmannegger aus der Ramsau. Beim Kultsong »Isarflimmern« in langer Version kamen die Geister der Ahnen mit einem weiteren »Talking Blues« über das Wasser und brachten dem Publikum fast beschwörend indianische Weisheit nahe: »Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.« Auch sein Lied von König Ludwig II., »Ois is Blues« aus den 80ern und einige neue Songs wie »Der Seher« gab Willy Michl zum Besten – und immer wieder abgefahrene Bluesgesänge.

Als Zugaben gefordert wurden, sang Willy Michl wie in Trance weiter, improvisierte und komponierte noch nie Erklungenes. Zur Reizüberflutung dieser lauten Zeit war das »Unmiked-Konzert« ein wohltuender Gegenpol. Der Isarindianer setzt damit wieder einmal einen neuen Trend. »Das Publikum liebt es, und der Sänger auch«, verriet er danach augenzwinkernd. Veronika Mergenthal

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