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FIFA-Kapitän Blatter bringt Reformen durch

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Auf Mauritius findet derzeit der 63. FIFA-Kongress statt. Foto: Rene Soobaroyen Foto: dpa

Port Louis (dpa) - Eine Meuterei wollte Wolfgang Niersbach sicherlich nicht anzetteln. Aber einfach so hinnehmen konnte der DFB-Präsident die Verzögerung des Reformprogramms der FIFA auch nicht.


Als Wortführer der Opposition aus Europa monierte Niersbach beim Kongress des Fußball-Weltverbandes auf Mauritius die Verschiebung der Entscheidung über eine Amtszeitbeschränkung und eine Altersgrenze für mächtige FIFA-Funktionäre bis 2014.

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«Es wäre ein gutes Signal für die Öffentlichkeit gewesen, wenn wir über einen Vorschlag abgestimmt hätten», sagte der DFB-Boss und erntete für seine leise Kritik von FIFA-Präsident Joseph Blatter auf der Kongress-Kommandobrücke ein süßsaures Lächeln. «Es hätte für keinen Vorschlag eine Mehrheit gegeben», begründete der FIFA-Boss die Verschiebung.

Als Angriff auf die UEFA und als Vorzeichen auf einen möglichen Präsidentschaftswahlkampf gegen deren Kontinentalchef Michel Platini dürfte Blatters verklausuliert formulierte Bemerkung verstanden werden, dass nun ein neues Reformziel sei, das Stimmenverhältnis in der Exekutive an die Anzahl der nationalen Verbände zu koppeln. Dort sind die Europäer mit acht von 24 Mitgliedern überrepräsentiert, obwohl die vier britischen Verbände ihren bislang reservierten Posten für einen Vize-Präsidenten verloren.

Von den freundlichen Kongress-Gastgebern hatte Blatter als Präsent ein überdimensionales Modell-Segelschiff erhalten - das war ganz nach seinem Geschmack. Wie in rauer See hatte sich der Schweizer in den vergangenen Monaten gefühlt. Umso größer war die Erleichterung, als sein oft kritisiertes Reformprogramm von den 207 stimmberechtigten Delegierten am Freitag ohne großes Murren akzeptiert wurde. Den Widerstand aus Europa zu einem Programmpunkt konnte der Schweizer gerade noch ertragen. «Wir haben auch so ein hohes Niveau mit unseren Reformen erreicht», sagte er.

«Wir haben schwierige Zeiten hinter uns. Es war eine Prüfung für die Fußballwelt und ihre Führer. Als Euer Kapitän bin ich glücklich zu sagen, wir haben den Sturm überstanden. Wir sind aus stürmischen Gewässern gestärkt hervorgegangen und können einer guten und produktiven Zukunft entgegensehen», sagte Blatter schon in seiner Begrüßungsrede. Am Ende der achteinhalbstündigen Tagung verabschiedete er sich mit den Worten: «Ich bin stolz darauf, ihr Kapitän zu sein. Wir haben die Seriosität der FIFA bestätigt und ein starkes Signal an alle Anhänger des Fußballs gesendet.»

Das dürften die Kritiker anders wahrgenommen haben. Gegen den Widerstand aus Deutschland und Europa votierten die Delegierten mit 123:16-Stimmen dafür, erst beim nächsten Treffen des Gremiums in Sao Paulo über ein Alterslimit und eine Amtszeitbeschränkung seiner mächtigen Funktionäre zu entscheiden. «Wir werden das Problem angehen», versprach Blatter.

Andere Punkte der Reform wurden komplett ohne Widerspruch verabschiedet. Die Einführung eines Integritätschecks für alle Mandatsträger wurde mit 198:2 Stimmen beschlossen. Das fiel den Delegierten leicht, wird die Prüfung doch intern und nicht wie von FIFA-Kritikern gefordert durch unabhängige Gremien vorgenommen. Zudem wird künftig der Kongress und nicht mehr das Exekutivkomitee die WM-Gastgeber bestimmen.

Das deutsche FIFA-Exekutivmitglied Theo Zwanziger hatte zuvor mit einer leidenschaftlichen wie ausschweifenden Rede für diese von ihm mitentworfenen Vorschläge geworben. Blatter hatte den Kongress aufgefordert, den Änderungen in den FIFA-Statuten zuzustimmen. Der Schweizer gestand ein, dass der Weltverband durch die diversen Korruptionsskandale eine schwere Zeit zu überstehen hatte. «Es wäre gelogen zu sagen, dass es einfach war. Ja, wir mussten uns selbst hinterfragen. Und wir mussten für das Wohlergehen des Spiels gegen Widerstände in unseren eigenen Reihen kämpfen. Das hat geschmerzt», sagte Blatter.

In der Ethikkommission wurden der Deutsche Hans-Joachim Eckert und der Amerikaner Michael Garcia als Vorsitzende der rechtssprechenden und ermittelnden Kammer bestätigt. Als erste Frau wurde Lydia Nsekera aus Burundi in das FIFA-Exekutivkomitee aufgenommen. Moya Dodd aus Australien und Sonia Bien-Aime von den Turks- und Caicosinseln gehören dem Gremium als kooptierte Mitglieder an.

Von internationalen Anti-Korruptionsexperten wurde der nach den Skandalen um die WM-Vergabe 2022 an Katar und Vorwürfen gegen bestechliche FIFA-Funktionäre eingeleitete Reformprozess immer wieder als unzureichend kritisiert. Der angesehene Schweizer Rechtsprofessor Mark Pieth, der den Prozess als Vorsitzender des Independent Governance Comittees begleitet hat, lobte die FIFA für ihre Bemühungen, äußerte aber auch kritische Worte.

Den Integritätscheck durch die Kontinentalverbände ausführen zu lassen, entspreche nicht den gängigen Standards. Auch müsste die FIFA sich bei der Offenlegung der Vergütung ihrer Funktionäre bis hin zum Präsidentengehalt noch bewegen. «Ich hätte mir gewünscht, dass sie sagen: 'Wir haben nichts zu verheimlichen'». Manche Themen seien wegen «politischer Entscheidungen» nicht umgesetzt worden.

Schon vor seiner offiziellen Rede äußerte sich Pieth zu den diffizilen Themen Alterslimit und Amtszeitbegrenzung und sprach damit den Reformmotoren Niersbach und Zwanziger aus den Herzen. «Für mich ist die Altersgrenze nicht so wichtig. Wenn sie sich entscheiden, einen 80-Jährigen den Sport junger Menschen leiten zu lassen, ist das ein bisschen merkwürdig. Aber die Amtszeitbeschränkung ist wichtiger. Es ist logisch zu sagen, dass man kein Netzwerk von alten Jungs haben will, die sich über einen Zeitraum von 30 Jahren einrichten.»