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Flammen, Funken, Scheiterhaufen

Maestro Kuhn, Erler Festspiel-Motor, Intendant, Regisseur, Orchesterleiter und Musikerzieher in einer Person, holt, als Initiationsgeste am Pult des neuen Festspielhauses, stets mit beiden Armen einmal kräftig waagerecht nach vorne aus. Kann sein, um die Ärmel seines unverwüstlichen schwarzseidenen »Tops« nach hinten zu bringen, kann aber auch sein, um für die nächsten drei Stunden um volle Konzentration zu bitten. Er selbst ist, nicht nur in dieser Hinsicht, vorbildhaft.

Chor-Szene mit Hermine Haselböck (Azucena) und Michael Kupfer (Luna). (Foto: Hans Gärtner)

Bei seinem »Trovatore«-Dirigat, das unmittelbar auf das des »Rigoletto« folgte, nahm er die heftige Geste sofort zurück, um einen Pianissimo-Trommelwirbel zu entfachen, der – wie sein ganzer wunderbarer 2. Verdi-Abend der Tiroler Festspiele 2013 – sich hören lassen konnte. Viel Zartes, fein Abgestuftes, freilich auch Fulminantes, manchmal etwas eckig und draufgängerisch, empfand Gustav Kuhn für das schaurige Drama um Rache und Bruderzwist, Kindermord und verbotene Liebe zu einem Troubadour, der in dieser Oper zum hohen C kommen darf. Um es gleich zu sagen: Ferdinand von Bothmer schaffte es, nicht mühelos, aber respektabel.

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Als ob es nur um diesen exponierten Ton in »Il trovatore« ginge! Kuhn lehrt sein Publikum eines anderen. Er zeigt: Heiße Emotionen hat Verdi kreiert, leidenschaftliche Ausbrüche des Zorns, der Vergeltungssucht, aber auch der eingestandenen Liebe zu einem Outsider, wie es ein Troubadour war. Keine seiner Opern bringt die Gefühle so stark, so dicht, so geladen in Wallung. Ein Highlight jagt das andere – aus der Kehle des Soprans, des Mezzos, des Tenors, des Baritons, des Basses. Dieser darf den von Feuer, Funken und Scheiterhaufen-Flammenschlagen am Kochen gehaltenen Abend eröffnen: Giovanni Battista Parodi als Ferrando, der das Publikum in die ziemlich verwickelte Story profund einweist.

Den Bariton vertritt Michael Kupfer als Conte di Luna – seinem herausragenden Ruf als Haus-Bariton wieder voll und ganz gerecht werdend. Der Österreicherin Hermine Haselböck fällt die Rolle der Azucena zu, der sie sich stimmlich durchaus gewachsen zeigt. Den Titelhelden, dem sie sich als »Mutter« an die Brust wirft und mit dem sie – wäre sie es in Erl nicht eh schon – in die Berge gehen will, gibt der aus München gebürtige, in Wien ausgebildete junge Ferdinand von Bothmer: diszipliniert, klug die Kräfte seines klaren, offenen Tenors nützend. Zweifellos gewann die St. Petersburgerin Anna Princeva, Kuhns derzeit bevorzugt eingesetzter jugendlich dramatischer Sopran als Leonora auf der ganzen Linie. Mit passendem prasselnden Feuereifer ging sie diese Figur an und brachte, ein zartes Persönchen, ihre Schmacht-Kantilenen mit Bravour über die Runden.

Man konnte gut und gerne ganze Minuten lang die Augen schließen, um sich dem stilisierten Bewegungs-Oratorium mit den spärlichen, zweifellos aussagestarken Requisiten, dem wieder in Bestform singenden Chor, gut vortrainiert in der Accademia di Montegral, und den oft seitwärts von der schon im »Rigoletto« dienlichen Mittel-Schräge sich abspielenden Tête-à-Têtes optisch zu entraten. Die Szene (Bühnenbild: Jan Hax Halama) bot sich steif und starr, sie lechzte manchmal nach Fülle, war farblich beruhigend, ließ dankbarer Weise immer wieder Licht in die inhaltliche Düsternis einströmen. Den Kostümen (Lanka Radecky) nach könnte dieser »Trovatore« auch im AT spielen, auf jeden Fall aber dann in der Passion, die im Nachbar-Haus gerade wieder zu erleben ist. So statisch-aussageschwach kamen die Protagonisten gekleidet, so knallig aufgebrezelt schritten die Zigeuner einher, möglichst im Gänsemarsch, wie das dann auch engelgleich weiß gewandete Lichtträgerinnen taten oder, Latten schwingend zu Verdis Musik, die Krieger des Grafen Luna. Hans Gärtner