Fliegende Holländer und Arie mit Hustenverbot

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Kivits begleitete Partner Stenzel und den wieder auferstandenen großen Caruso im Duett beim »Impossible concert« im Traunreuter k1. (Foto: Benekam)

Die Gäste des »Impossible concert« im Traunreuter k1-Studio hatten bei dem breit gefächerten Angebot kultureller Veranstaltungen in und um Traunreut sicher die richtige Wahl getroffen: Was ihnen geboten wurde, war nicht nur gute Musik unterschiedlichster Genres – wenn auch etwas eigenwillig in der Darbietung –, sondern zugleich Kabarett, Clownerie und Slapstick erster Güte.


Die beiden Herren aus Holland machten, in Anzug und Frack, einen nicht unseriösen Eindruck. In stilvoll klassischer Konzertbekleidung betrat das Duo Stenzel und Kivits die Bühne, kontrolliert vornehm, fast schon zwanghaft korrekt. Aber schon bei der synchronen Begrüßungsverbeugung war klar, dass die beiden mehr als Musik im Gepäck hatten.

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Interaktives Spiel für die musikalischen Lachnummern

Bei genauerer Betrachtung ihrer Instrumente wuchs die Neugier der Gäste: Da stand ein Flügel auf Rollen – luftbereift. Im Hintergrund ein umgebauter, überdimensionierter Klavierhocker, ebenso bereift und elektrisch höhenverstellbar. Ein alter Plattenspieler und ein auf genau eine Saite reduzierter Kontrabass Marke Eigenbau, dessen Korpus schlicht ein Holzkasten war. Nach etlichen scheinbar peinlichen Missverständnissen bezüglich der Programmfolge und der Musikauswahl war das Publikum »eingelacht«.

Als das Duo nach einigen verunglückten Versuchen endlich eine Mozart-Arie spielte, rollte schließlich der Flügel weg und der Pianist auf seinem rollenden Klavierhocker hinterher. Der um Haltung bemühte Sänger Stenzel wurde von der Bühne gedrängt, schaffte es aber, seinen Gesang fortzusetzen. Der nur noch teilweise auf der Bühne befindliche Flügel musste mithilfe eines Zuschauers wieder zurück gehievt, die durcheinandergeratenen Notenblätter von einer Dame in der ersten Reihe sortiert werden – interaktives Spiel war unumgänglich, denn nur so konnten die musikalischen Lachnummern weiter gehen.

Wieder auf der Bühne machten die beiden sich an die nächste Nummer – jeder an eine andere. Stenzel schmetterte Verdi, während Kivits am Flügel Schubert und Mozart in die Tasten hämmerte. Beide rührend bemüht, musikalisch den gemeinsamen Nenner zu finden und immer in kollegial-freundschaftlicher Zugewandtheit. Eigentlich unmöglich, wodurch sich das treffende Motto »Impossible concert« immer deutlicher erschloss.

Dass trotz inbrünstig dargebotenem Walzer niemand das Tanzbein schwingen wollte, störte das Duo wenig. Mit größter technischer Finesse schafften es die beiden Musikkomödianten, sowohl den Flügel samt Spieler als auch den seltsamen, ferngesteuerten, rollenden Notenständer in walzerähnliche Bewegungen zu versetzen. Bei der folgenden »dramatischen« Arie sprach Stenzel dem Publikum ein Hustenverbot aus, um nicht in der Tiefe der Darbietung gestört zu werden. Da tatsächlich keiner hustete, brach er, von der eigenen Emotion überwältigt, in Tränen aus, wogegen auch der wohlwollende und aufmunternde Partner Kivits machtlos war.

Tränen flossen auch im Publikum – vor Lachen. Selbst ernannter Höhepunkt und Gipfel der Unmöglichkeit war ein Live-Duett mit dem verstorbenen Enrico Caruso, bei dem Carusos Stimme vom Plattenspieler eingespielt wurde. Damit der Opernstar auch optisch in Erscheinung treten konnte, kam ein als Puppe umfunktionierter Notenständer mit Lautsprecher, Perücke, leuchtenden Augen und einem Herrenanzug zum Einsatz. Von Stenzel manuell bespielt, mit pathetisch geführter Armprothese bestückt, erinnerte die Nummer an Michael Jacksons »Thriller«.

Dem Konzertflügel wachsen Flügel

Dem k1-Publikum blieb wenig Zeit zum Luftholen zwischen den Lachsalven. Urkomisch war auch der Versuch, einen Rekord aufzustellen: die Arie mit den meisten Noten pro Minute, bei der, aus Folge von Überhitzung, die Notenblätter in Flammen aufgingen und das Mikro rauchte. Oder »Der fliegende Holländer«, bei dem Stenzel singend auf dem Flügel stand und dem von Kivits meisterhaft bespielten Konzertflügel zwei Flügel wuchsen.

Inzwischen schien wirklich nichts mehr unmöglich, das Duo hatte Narrenfreiheit, man lachte über alles. Sensationell wie Kivits in allen Lagen und in allen Tempi immer die richtigen Tasten traf. Die zahlreichen Zugaben gaben dem vor Lachen erschöpften Publikum den Rest. Glücklicherweise hatte es noch ausreichend Kraft in den Armen für einen verdient euphorischen Applaus. Kirsten Benekam

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