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Fragment gebliebene Todessehnsüchte

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Die Solistinnen (von links) mit Dirigent Ingo Metzmacher, Sophie Karthäuser (Jemina), Christiane Libor (Martha) und Marlies Petersen (Maria). (Foto: Aumiller)

Die Symphonie h-Moll D 759 von Franz Schubert, seine »Unvollendete«, ist eines seiner bekanntesten und beliebtesten Werke. Formal fehlt ihr der dritte Satz, aber im Eindruck auf den Zuhörer fehlt es ihr an nichts.


Sie wirkt vielmehr vollendet im Sinne der Meisterschaft, im Sinne dessen, was ihr an musikalischer Qualität, Schönheit und beeindruckender Aussagekraft innewohnt. Formal wie inhaltlich unvollendetes Fragment bleibt hingegen Schuberts »Lazarus, oder: die Feier der Auferstehung«, das wenig bekannte »Religiöse Drama in drei Handlungen« D 689. Die dritte Handlung fehlt gänzlich und die zweite bricht mitten in einer Arie unvermittelt ab. Wohl deshalb wird das Werk selten aufgeführt, und es wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob der Rest womöglich verschollen ist oder ob Schubert tatsächlich so abrupt die Feder aus der Hand gelegt hatte.

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In der ersten und zweiten Handlung geht es unaufhörlich um Todessehnsucht, wenn die Schwestern Maria und vor allem Martha das Sterben ihres Bruders Lazarus begleiten, sodann seinen Tod beklagen und gesteigertes eigenes Verlangen nach dem Jenseits bekunden. Ebenso wenn Simon sich »mit wilder Unruh« vor offenen Gräbern einfindet und mit Schauer und Todesangst darauf reagiert. Die Auferstehung des Lazarus bleibt uns Schubert jedoch schuldig, aus welchem Grund auch immer. Ingo Metzmacher hat dieses Werk bereits öfter dirigiert und machte es in der Felsenreitschule im Rahmen der Ouverture Spirituelle zu einer interessanten Begegnung.

Dass er nicht nur der Spezialist für zeitgenössische Musik ist, sondern auch die Subtilitäten Schuberts auszuloten versteht, brachte er hier überzeugend ins Spiel. Allerdings trübten anfangs einige Störfaktoren die Konzentration. So brach der Dirigent plötzlich ab und verlangte: »Fangen wir nochmal an«. Ungewöhnlich, aber offenbar unverzichtbar! Auch verschiedenes Handyklingeln mischte sich, trotz vorheriger obligater Ansage mit der Bitte zum Ausschalten, unliebsam unter die Schubertklänge.

Die Arien der beiden Tenöre sind großteils lyrisch liedhaft komponiert und hatten in Maximilian Schmitt als Lazarus und Werner Güra mit fokussierter Präsenz als Nathanael optimale Interpreten, die als kundige Liedersänger mit klarer Diktion und kantablen Gesangslinien ihre Todesahnungen und -ängste sowie auch die Sehnsucht nach Erlösung zu noblem Klang verdichteten. Den Chor forderte Schubert mit dramatischerem Anspruch heraus, ebenso Martha, von Christiane Libor verkörpert. Deren voluminöse Stimme hatte zwar Sopranfarbe, musste aber mit den Höhen etwas kämpfen, die ihr nur mit einiger Mühe aus der Kehle tönten. Und der fast wie ein Schrei abgebrochene Schlusston am Partiturende kam dann doch recht unvermittelt.

Der Salzburger Bachchor wusste seine Qualitäten mit federnder Dynamik in den Dienst Schuberts zu stellen. Mit Flexibilität und Klarheit in der Tongebung überzeugte Marlies Petersens Maria als die Vertreterin des tröstlicheren und segenspendenden Elements. Ebenfalls zum Segen für Lazarus eilte auch die Jemina der Sophie Karthäuser mit hellem Glockensopran herbei. Mit markigen Basstiefen und dramatischem Applomb gestaltete Thomas E. Bauer Simons Grabesstimmungen. Metzmacher formte die Camerata zu einem vielschichtigen Klangkörper, der mit subtilen Klangfarben ebenso punktete wie mit aufgeladenen Forteaufschwüngen.

Auch vor der Pause bei der einleitenden »Unvollendeten« motivierte Metzmacher die Orchesterpräsenz zu großer Bandbreite vielfarbiger Schattierungen – vom romantischen Zauber bis zum fast schroffen Kontrast düster gefärbter Klangmacht. Mit geheimnisvollen Grummeln leiteten die tiefen Streicher in feinsten Schwebungen mit magischem Flair ein, dem Oboe und Klarinette melodische Thematik folgen ließen. Im zweiten Satz zog besonders die Soloklarinette idyllische Zauberlinien in klarer Klangwärme. Zwischen Traum und Realität, zwischen Ideal und schmerzlichem Erwachen, heißt es, bewegt sich der Sinfonische Ausdruck. Metzmacher machte das mit der Camerata auf stimmige Weise deutlich. Elisabeth Aumiller