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Frauen am Leidensweg Jesu

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Die Frauen, die am Kreuzweg ausharrten, werden am Ende zu Lichtträgerinnen (von links): Maria Magdalena (Maria Brunauer), Maria (Susanna Szameit) und Veronika (Andrea Resch). (Fotos: Michael Resch)

Auf unheimliche Weise wirft im alten Adventslied »Marientraum« das Leiden Jesu seine Schatten voraus. Es findet sich in einem, 1602 in Graz gedruckten, Gesangsbuch, in dem der Lehrer und Kantor Nikolaus Beuttner historische, katholische Lieder zusammengestellt hatte. Eine Art Leitmotiv wurde dieser Traum im »Salzburger Passionssingen«, das heuer unter dem Thema »Stabat Mater« stand und sich den Frauen am Leidensweg Jesu widmete.


Die schlichte Schönheit dieses Liedes brachten der Kirchenchor Bischofshofen unter Leitung von Martina Mayr und der Salzburger Dreigesang bei der öffentlichen Generalprobe in der Pfarrkirche Salzburg-Lehen exzellent zur Geltung. Für Josef Radauer, Initiator und Leiter des Salzburger Passionssingens, ist das Lied nicht nur – seit seiner Zeit als Lungauer in Tobi Reisers Hirtenspiel beim Salzburger Adventsingen – zur eigenen, musikalischen Heimat geworden. Vielmehr stellt es für ihn auch ein »Sinnbild unseres Lebens zwischen Freude und Leiden« dar.

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Träume stehen für die tiefere Dimension, das Unterbewusstsein, die Ahnung ...und auch Gott oder Engel offenbaren sich oft im Traum. Eine Welt, zu der Frauen seit jeher meist mehr Zugang haben als Männer. Im inneren Zwiegespräch mit Jesus erinnert sich Maria (Susanna Szameit) in Radauers heiligem Stabat-Mater-Spiel an Momente voller Freude und Stolz auf ihren Sohn. »Doch jetzt druckt mi de Angst und a große Traurigkeit«, bekennt sie. »Wos du jetzt vorhast, geht an Schritt z’weit.« Ihre zarte, innige, verzweifelte Mutterliebe kommt gut im Dialekt und in Worten wie dem gestammelten »Bua, bleib doch bescheiden!« zum Ausdruck. Stimmig wird sie von den Geigen und der Querflöte des hervorragenden, vielseitigen »Radauer Ensembles« musikalisch aufgefangen. Maria wird zutiefst menschlich gezeichnet und fragt sich selber: »Habe ich als Mutter versagt?«

Der Hoffungstraum wird zum Albtraum. »Solche Veränderungen brauchen Zeit«, ermahnt Maria den optimistischen, unbekümmerten Lieblingsjünger Johannes (Benedikt Helminger), der nichts Falsches daran finden kann, wenn man die Wahrheit ans Licht bringen will. In zwei weiteren Frauen begegnet der Zuschauer zwei gegensätzlichen Typen am Weg Jesu: der realistischen, praktisch zupackenden Veronika, eine in der Kreuzwegtradition überlieferte Figur, die sich im Leben alles erarbeiten musste (Andrea Resch), und Maria Magdalena (Maria Brunauer), der unverdient große Liebe geschenkt wurde und die diese mit tiefer Hingabe erwidert. An der Via Dolorosa solidarisieren sich die Frauen, die anders als die Jünger einfach da sind. Aber sie wirken isoliert, verloren. Neue Gemeinschaft stiftet die Begegnung mit dem Auferstandenen, die jede auf ihre ganz persönliche Weise erlebt. Aus dem Albtraum wird wieder ein Hoffnungstraum. Die Frauen werden zu Lichtträgerinnen, lassen das Licht in einem Osternacht-ähnlichen Ritual im Dunkel wachsen.

Doch vor der Ostererfahrung steht die Passion. Verstärkt wird das Bedrückende, Beklemmende, indem der Chor durch die jeweilige Platzierung im Raum als anonyme Masse agiert. Zuerst jubelt diese Jesu beim Einzug in Jerusalem zu, wird später für Maria zur undurchdringlichen Mauer und hetzt mit Kaiphas (Alfred Kröll) gegen den vermeintlichen Verbrecher Jesus. Philippus (Willi Pilz) kann Kaiphas, der sich verhärtet und hinter seiner Funktion versteckt, nicht mehr umstimmen. Seine Ahnung, dass doch was dran gewesen sein könnte an Jesu Botschaft der Liebe, kommt zu spät.

Alte Volksweisen und klassisches Repertoire gehen eine spannende Symbiose ein, wenn beispielsweise der Chor das aus Hallein überlieferte Lied »Dort druntn auf Laub und Straßn« (um 1840) anstimmt und danach Maria Brunauer mit ihrem berührenden, warmen Mezzosopran im »Eja Mater« aus dem Stabat Mater von Vivaldi zur Ikone der leidenden Liebenden wird. Auch Musik von Bach, Mozart, Zoltan Kodaly, Shane Woodborne, Tobi Reiser und anderen sowie viel Volksgut fließen mit ein. Der glockenklare Salzburger Dreigesang, Organist Andreas Gassner, die ernst-feierlichen Pongauer Bläser, die teils aus der Nähe, teils ganz von ferne zu hören sind, und der jeweilige Kirchenraum, in Salzburg-Lehen ein moderner in Zeltform, machen das Passionssingen zu einem sinnlichen Erlebnis. Gut tat dem Stück, dass auf Applaus auch am Ende verzichtet wurde. Jeder nahm seine Eindrücke in aller Stille mit in die bevorstehenden Kar- und Ostertage.

Das Salzburger Passionssingen wird noch dreimal aufgeführt: am heutigen Samstag um 19 Uhr in der Mühlfeldkirche in Bad Tölz, am morgigen Sonntag um 19 Uhr in der Klosterkirche »Maria Hilf« in Cham und am Karfreitag um 16 Uhr im Prinzregententheater in München. Für alle Veranstaltungen gibt es noch Restkarten an der Abendkasse. Nähere Infos unter www.salzburgermusikverein.at. Veronika Mergenthal