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»Freundschaften sind wichtiger denn je«

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»Natürlich wäre es mir am liebsten, die Engländer würden es sich mit dem Brexit nochmal überlegen«, sagt der Vorsitzende des Freundschaftsclub Haywards Heath – Traunstein, Günter Miedaner, im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt.

Traunstein – In gut neun Wochen ist es soweit, dann wird Großbritannien die Europäische Union verlassen – ob geordnet oder nicht, das ist auch so kurz vor dem Brexit am 29. März noch offen. Klar dagegen ist, dass der Brexit der Freundschaft zwischen Traunstein und der Partnerstadt Haywards Heath keinen Abbruch tun wird. »Ein aufgelöster Vertrag bedeutet nicht, dass sich auch automatisch eine seit über 30 Jahren gewachsene Freundschaft auflöst«, betont der Vorsitzende des Freundschaftsclubs Haywards Heath, Günter Miedaner im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt.


Natürlich mache man sich Gedanken über die künftigen Beziehungen zwischen Deutschland und England, diesseits und jenseits des Ärmelkanals, so Miedaner. »Die Arbeit bleibt die gleiche, die Freundschaft bekommt aber eine andere Bedeutung, da wir sie jetzt als noch wichtiger betrachten.« Die Freundschaft mit dem Städtchen in West Sussex besteht seit mehr als 40 Jahren. Seit 1976/77 findet ein regelmäßiger Schüleraustausch zwischen der Reiffenstuel-Realschule und der Oathall School statt, 1988 wurde der Grundstein für den Freundschaftsclub Haywards Heath – Traunstein gelegt, seit 1993 ist die südenglische Kommune Traunsteins Partnerstadt.

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Und nun konterkariert der Brexit diese gelebte europäische Integration? Keinesfalls sagt der Bürgermeister von Haywards Heath, Jim Knight: »Persönlich denke ich, dass die Kontakte zwischen unseren Städten und deren Menschen in unsicheren Zeiten wie diesen, unglaublich wichtig sind und immer mehr an Bedeutung gewinnen, auch wenn sie auf der großen politischen Bühne klein erscheinen mögen«. Dem kann Miedaner nur zustimmen: »Der Brexit, aber auch die nationalen Tendenzen innerhalb der EU zeigen doch gerade, dass man Freundschaften zwischen Städten heute wichtiger denn je sind«.

Als er 1979 als Schüler zum ersten Mal nach Haywards Heath kam, war die Stadt »gefühlt weit weg, eine Reise nach England etwas Besonderes, die Reiseformalitäten ein riesiger Aufwand«. Aber die Erinnerungen waren so positiv, dass der Kontakt zu seiner Austauschfamilie nicht abriss und bis heute besteht. Im Laufe der Jahre habe sich auf beiden Seiten bei ehemaligen Austauschschülern ebenso, wie bei interessierten Bürgern der Wunsch verstärkt, die Beziehungen auch jenseits des Schüleraustausches zu intensivieren. Aufgrund der unterschiedlichen kommunalen Systeme war in den 1980er Jahren zunächst keine offizielle Städtepartnerschaft möglich, daher entschloss man sich, auf zivilgesellschaftlicher Ebene die Freundschaft offiziell zu vertiefen im Sinne eines Europas der Bürger.

Die große Politik sollte dabei nie eine Rolle spielen in der Freundschaft, »wir haben den Kontakt stets auf sehr persönlicher Ebene gehalten, um das Leben in den befreundeten Städten so nah wie möglich zu erleben«, betont Miedaner. Ganz im Sinne des französischen Außenministers und Europa-Vordenkers Robert Schuman, dem schon 1950 klar war, dass Europa durch »konkrete Tatsachen entsteht, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen«.

An diesen konkreten Tatsachen will auch die Reiffenstuel-Realschule festhalten. Der Austausch mit der Oathall School sei auch weiterhin geplant, unabhängig vom Brexit. »Darauf nehmen wir keine Rücksicht«, sagt der zuständige Lehrer für Englisch und Geografie, Tim Berliner. Heuer im Juli kommen englische Gastschüler, die Traunsteiner Fahrt ist für September fest eingeplant. Zum Glück seien die Auswirkungen eines wie auch immer gearteten Brexits für das Programm gering, so Berliner. Die Mitfinanzierung durch die Stadt Traunstein sei gesichert, EU-Fördergelder bekomme man nicht. Bisher sei man als Tourist eingereist, daran werde sich auch künftig nichts ändern, und Kontrolle bei der Einreise gab es jetzt schon, da Großbritannien nicht dem Schengenraum angehört. »Wir empfehlen unseren Schülern nun, einen Reisepass zu beantragen, ansonsten machen wir uns relativ wenig Sorgen«, sagt Berliner gegenüber unserer Zeitung.

Auch wenn noch nicht klar ist, wie es nach dem 29. März 2019 auf der großen politischen Bühne weitergeht, hat Günter Miedaner einen Wunsch: »Natürlich wäre es mir am liebsten, die Engländer würden es sich mit dem Brexit nochmal überlegen. Aber, wir dürfen aus dem Brexit keine falschen Schlüsse ziehen, da es auf beiden Seiten des Ärmelkanals Menschen gibt, die diese gewachsenen Freundschaften auch weiterhin pflegen wollen und werden«. vew