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Frühchristliches Drama mystisch in Szene gesetzt

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Der Männerchor »ZwoZwoEins« unter Leitung von Clemens Haudum beeindruckte mit hoher Klangkultur. (Foto: Mergenthal)

Zeugen eines dramatischen Prozesses von Anhängern der Artemis-Bruderschaft gegen zwei Christen in der Frühzeit des Christentums sind die zahlreichen Konzertbesucher in der voll besetzten Pfarrkirche St. Andreas Teisendorf geworden: Das seltene Genre einer »Missionskantate« präsentierte der Männerchor »ZwoZwoEins« des Tölzer Knabenchors mit »The Martyrs« (Die Märtyrer) von John Henry Maunder (1858 bis 1920).


»Who is she who rules the heaven in her car of silver light? Wer ist die, die den Himmel beherrscht in ihrem Wagen aus silbrigem Licht?«, begann triumphal der mächtige erste Chor. Die nur gut 20 Sänger, alles ehemalige Tölzer Chorknaben, begeisterten mit hervorragender Klangkultur zwischen geheimnisvollen Passagen und gewaltig anschwellendem Volumen. Chorleiter Clemens Haudum unterstützte die Homogenität dieses wunderbaren Klangkörpers mit klarer Führung und Konzentration.

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Farbenreich und lautmalerisch

Die blumige, bildhafte englische Sprache hat John Henry Maunder äußerst farbenreich und lautmalerisch in Szene gesetzt. In ihrer Weltanschauung, aber auch räumlich abgesetzt vom Chor bekannten der Bassist Niklas Mallmann als der Christ Lycon und die Sopranistin Julia-Sophie Kober als Lycons Tochter Phias standhaft ihren Glauben: Beide sangen von der Kanzel aus, was sich auch reizvoll auf die Raumakustik auswirkte.

In einem ausdrucksstarken, langen Solo verdeutlichte Mallmann als Lycon die Größe und Erhabenheit seines Gottes und warum einst die Opfer für den Fruchtbarkeits- und Wettergott Baal vergebens waren. »Das, das sind die Götter, denen ihr Verrückten traut, die Bilder des Wahnsinns, die Kreaturen der Lust«, endete seine Rede, untermalt von wilden Wahn suggerierenden Abwärts-Läufen des Klaviers, das Manuel Huber virtuos und einfühlsam spielte.

Die Artemis-Jünger nennen diese Schilderung ein »Märchen« und wissen damit nichts anzufangen. Der Chor brachte gut deren aufgepeitschte Stimmung rüber. Mit lieblichen bis triumphalen chorischen Klangbildern und mystischen Akkorden wurde die Komfortzone des vertrauten Artemis-Glaubens voller Naturromantik deutlich. Deren Schicksalsergebenheit und Gefühl der Fremdbestimmung mit einer panischen Angst vor dem Tod stellte John Henry Maunder den Glauben an den christlichen Schöpfergott gegenüber, der dem Menschen die Verantwortung überträgt. Damit ist er eigentlich sehr aktuell, ist doch die Wahrnehmung von Selbstverantwortung, statt sich als Opfer der Umstände zu sehen, Kern jedes modernen Persönlichkeitsentwicklungs-Seminars.

Aggressivität und Zweifel seitens der Artemis-Schar kontrastierten mit der Zuversicht von Phias und Lycon, deren klarer, samtweicher Sopran und wohltönender, voluminöser Bass den Glauben an das Gehaltensein auch in Dunkelheit und Nacht, die Hoffnung auf ihren Gott, das »reinste Licht«, verkörperten.

Lange Haltetöne und expressive Sprünge

Als Sprecher der Artemis-Jünger warnte Anselm Sibig mit kraftvollem Tenor in der Rolle des Thasis die Christen noch ein letztes Mal vor der Zeit, wenn der Becher leer, die Liebe tot und die zauberhaften Momente vertrieben und entflohen sind. Das Ende seines Monologs mit Sätzen wie »Nie mehr werden die Augen vor Vergnügen strahlen ...« prägten beeindruckend lange Haltetöne und expressive Sprünge.

Als die Christen beharren und weiter Ruhe, Vertrauen, tiefe Gemeinschaft und Hoffnung auf ein Leben jenseits des Scheins und vordergründigen Vergnügens ausstrahlen, wird die Horde wütend und will Vater und Tochter trennen. Ungeachtet auch dieser letzten, schweren Prüfung gehen die Märtyrer zuversichtlich in den Tod, unterstützt vom »Chor der Christen«, der die Artemis-Anhänger ablöst.

Langer und kräftiger Applaus belohnte die Interpreten. Dank großzügiger Spenden des Publikums kamen in den Körbchen am Ausgang knapp 1700 Euro zusammen, die je zur Hälfte dem Männerchor und der neuen Kirchenorgel in Oberteisendorf zugutekommen. Veronika Mergenthal