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Frühwarnsystem zur Pandemiebekämpfung

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»Wir müssen in Bezug auf das Virus cleverer werden«, sagt Dr. Katalyn Roßmann. (Foto: privat)
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Das Wasser, das zum Klärwerk in Berchtesgaden fließt, wird zweimal pro Woche beprobt. Erste Erfolge sprechen für sich, heißt es unter den beteiligten Wissenschaftlern. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Berchtesgaden – Im Berchtesgadener Land läuft seit mehreren Wochen ein Pilotprojekt zur Pandemiebekämpfung: Über das Abwasser wollen die Public- Health-Experten und die Wissenschaftler rund um Professor Dr. Jörg E. Drewes der Technischen Universität München Corona-Viren nachweisen – als Frühwarnsystem zum Schutz der Bevölkerung. »Wir müssen in Bezug auf das Virus cleverer werden«, sagt Oberstveterinär Dr. Katalyn Roßmann vom Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr – sie hat das Projekt initiiert. Erste Ergebnisse gibt es bereits. Es konnte etwa ein erster positiver Fall nach einer kompletten Betriebstestung aus einem Großbetrieb identifiziert werden. Dieser wäre mangels Symptomen unerkannt geblieben, so Roßmann.


In der Corona-Krise unterstützt die Bundeswehr die Gesundheitsämter bei der Kontaktnachverfolgung. Außerdem ist der Sanitätsdienst der Bundeswehr zusätzlich fachlich und methodisch beratend für die Bundeswehr und die lokalen Akteure bei der Pandemiebekämpfung tätig. Roßmann hatte vor Projektbeginn Landrat Bernhard Kern überzeugt, auch Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp sitzt im Boot, der in seiner Gemeinde bereits zuvor das Abwasser hat untersuchen lassen. Das Projekt, das von ihr angestoßen wurde, wird mit Nachdruck verfolgt.

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Wichtig ist dabei: Infizierte Menschen, einschließlich einer unbestimmten Anzahl an symptomlosen Virusträgern, scheiden das SARS-CoV-2-Virus über den Stuhl aus. Sie tragen somit zu einer Verbreitung des Erregers in die Umwelt bei. »Die Bedeutung dieser Ausbreitung für das Pandemiegeschehen in die Umwelt ist noch nicht ausreichend geklärt«, sagt Katalyn Roßmann. Tatsächlich wird die Ausscheidung bislang »als nicht relevantes Infektionsrisiko« bewertet. Zur Abschätzung der Dunkelziffer sei es aber wichtig, das komplette Ausmaß der SARS-CoV-2-Viren-Verbreitung in Echtzeit zu erfassen. Das Ziel, das Drewes sowie Roßmann und ihr Team verfolgen: Ein besseres Bild der Infektionslage zu schaffen. Eingesetzt wird dabei ein epidemiologisches Instrument, das einst von Umweltwissenschaftlern entwickelt worden war: das Abwasserüberwachungssystem.

Das Berchtesgadener Land gilt als zersiedelt. Roßmann sagt, dass sich der Landkreis aufgrund seiner Struktur bestens für das Pilotprojekt eigne. Im Vergleich zu Großstädten wie etwa München sei das Abwassersystem bei Weitem nicht so vernetzt oder durch hohe Grundwasserspiegel beziehungsweise Regenwasser »verwässert«, was die Auswertung im Landkreis vereinfacht. Dennoch: Auch in München wird aktuell eine Pilotstudie unter Beteiligung der Ludwig-Maximilians-Universität und der Technischen Universität München sowie der Universität der Bundeswehr durchgeführt. Im Berchtesgadener Land wurden zehn Probeentnahmestellen festgelegt, die sich etwa vor kommunalen Kläranlagen befinden. Die Ergebnisse, die die Proben liefern, können genaue Rückschlüsse auf die Anzahl an Virusträgern liefern. »Bis auf zehn Personen genau« fielen die Ergebnisse aus, sagt die Oberstveterinärin, deren Karriere in der Bundeswehr vor über 20 Jahren startete. Roßmann hat eine Fachtierarztausbildung vorwiegend in Bayern gemacht, in London einen Master of Science in Public Health für Entwicklungsländer absolviert und kann ein Diplom in Tropenmedizin des Bernhard-Nocht-Instituts vorweisen.

Wenn an einer Entnahmestelle vermehrt Corona-Virus-RNA nachgewiesen wird, könnte dies in Zukunft direkte Auswirkungen auf die Bevölkerung haben. Grundsätzlich sei von Verdünnungseffekten im Wasser auszugehen. Daher sei eine gewisse Mindestmenge notwendig, um im Abwasser nachgewiesen werden zu können. Bislang gilt der Schwellenwert im Berchtesgadener Land als unbekannt. Durch die im Abwasser befindlichen Corona-Viren kann zum einen der Anteil der nicht erkrankten Infizierten besser eingeschätzt werden, zum anderen ist es möglich, konkrete Maßnahmen wie etwa Massentestungen zu initiieren, um Ausbruchsgeschehnisse schneller zu erkennen und eindämmen zu können. Auf diese Weise lassen sich auch asymptomatische und vor allem unerkannte Virusträger ermitteln, die zwar keine Erkrankung entwickeln, aber wesentlich zur Aufrechterhaltung des Pandemiegeschehens beitragen. Einen weiteren Vorteil der Abwasseruntersuchung erkennt Roßmann hinsichtlich der Akzeptanz von anti-epidemischen Maßnahmen in der Bevölkerung. Diese könne nur durch eine transparente Datenlage erzeugt werden.

Bislang Zukunftsmusik, laut Katalyn Roßmann aber technisch möglich: Je nach Abwasserentnahmestellen könnten sogar spezielle Einrichtungen wie etwa Altenheime oder aber einzelne Straßenzüge gezielt als Risikobereiche identifiziert werden.

Das Pilotprojekt ist mit hohen Kosten verbunden: Jede Beprobung kostet rund 250 Euro, die pro Entnahmestelle – zweimal die Woche – anfallen. Finanziell wird das Projekt durch die Berchtesgadener Landesstiftung unterstützt, die 60 Prozent der anfallenden Kosten für die Proben übernimmt sowie durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. »Die Proben kommen dann nach Karlsruhe, werden dort untersucht und dann durch Professor Drewes' Team an der TU München ausgewertet«, sagt Roßmann. Etliche Auslandseinsätze hat Oberstveterinär Roßmann bereits absolviert, aktuell ist die Public Health-Expertin häufiger im Inland gefragt. Sie ist überzeugt davon, dass die Ergebnisse des Pilotprojektes im Landkreis dazu beitragen, das Virus in Zukunft früher erkennen und wesentliche Maßnahmen zeitig einleiten zu können.

Kilian Pfeiffer

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