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«Für Boris»: Hoffenheim und das Bangen um Vukcevic

Zuzenhausen (dpa) - «Boris kämpft um sein Leben und wir haben Fußball gespielt.» Hoffenheims Kapitän Marvin Compper beschrieb nach dem 0:0 gegen den FC Augsburg die Gefühlslage seiner Mannschaft. Sein Kollege Vukcevic liegt noch im künstlichen Koma. Keiner wagt eine Prognose.

«Für Boris»
Das Spiel der Hoffenheimer stand ganz im Zeichen ihres verunglückten Teamkameraden. Foto: Uwe Anspach Foto: dpa

«Boris Vukcevic, Boris Vukcevic» - minutenlang hallten die Rufe der Hoffenheimer Fans nach dem Abpfiff durch die Rhein-Neckar-Arena. Die Fußballprofis des Bundesliga-Teams hatten sich alle ein weißes Trikot mit der 7 übergestreift - die Rückennummer ihres verunglückten Mitspielers. Der 22-Jährige kämpft nach einem schlimmen Autounfall in einer Heidelberger Klinik weiter um sein Leben. Das 0:0 gegen den FC Augsburg geriet am Samstag zur Nebensache. Trainer Markus Babbel hatte in der Kabine nur zwei Worte gesagt: «Für Boris!»

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Vukcevics Zustand ist nach Vereinsangaben vom Sonntag unverändert «kritisch, aber stabil». «Es besteht nach wie vor Lebensgefahr», sagte Norbert Schätzle, Pressesprecher der Polizei in Heidelberg, der Nachrichtenagentur dpa. Der Offensivspieler war am Freitag auf dem Weg ins Training mit seinem Auto frontal in einen Laster gekracht, Fotos des Wracks zeigen, dass das Vorderteil des PKW völlig zerstört wurde. Der gebürtige Kroate (78 Bundesliga-Spiele) erlitt schwerste Kopfverletzungen und wurde mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen, wo ihn die Ärzte nach einer Notoperation in ein künstliches Koma versetzten.

Die Hoffenheimer Mannschaft bekam nach dem Augsburg-Spiel erstmal frei und wird erst wieder am Dienstag (15.30 Uhr) trainieren. «Die Spieler sollen bei ihren Familien sein und die Köpfe so gut es geht frei kriegen», erklärte Manager Andreas Müller in einer Pressemitteilung. «Selbstverständlich haben sie jederzeit die Gelegenheit, ins Trainingszentrum zu fahren, wo immer ein verantwortlicher Ansprechpartner zur Verfügung steht.»

Der Club bestätigte, dass Vukcevic auf der Intensivstation einer Heidelberger Klinik weiter im künstlichen Koma liege. Der Verein stehe in ständigem Kontakt zur Familie des 22-Jährigen, der bei einem Autounfall am Freitag schwerste Kopfverletzungen erlitten hatte.

Bei einer Pressekonferenz dreieinhalb Stunden vor dem Spiel im Trainingszentrum Zuzenhausen hatte Müller mit leiser Stimme erklärt: «Der Gehirndruck ist einigermaßen stabil, der Herz-Kreislauf ist einigermaßen stabil.» Es gebe, so 1899-Pressesprecher Tromp, «keine Prognose». Und es gab auch keine Aussagen das ganze Wochenende, die irgendwie Mut machten.

Die Polizei sucht noch nach den Ursachen, warum Vukcevic auf gerader Strecke auf die Gegenfahrbahn geraten war. «Der Unfallhergang ist nach wie vor unklar», sagte Schätzle. Beide Fahrzeuge wurden beschlagnahmt, die Sachverständigen-Untersuchungen könnten jedoch «ein paar Wochen» dauern. Vukcevic ist Diabetes-Patient, auch ein Zucker-Schock wird als eine mögliche Ursache nicht ausgeschlossen.

Die Spieler werden von Teampsychologe Jan Mayer betreut. Sie sprachen sich trotz des Schocks dafür aus, zum Spiel anzutreten. «Bei der Mannschaft ist eine Einstellung entstanden, in der wir in den Mittelpunkt die Hoffnung gestellt haben: Dass wir heute hier spielen, für Boris spielen, für ihn kämpfen», erklärte Müller. «Wichtig ist, dass wir eine Rückmeldung von den Eltern bekommen haben: 'Ja, spielt, kämpft für ihn.' Wir haben alle große Hoffnung, dass er wieder gesund wird.» Auch FIFA-Präsident Joseph Blatter und Lukas Podolski wünschten Vukcevic via Twitter «gute Besserung».

Die Augsburger zeigten vor dem Anpfiff eine «super Geste» (Babbel), als sie sich in T-Shirts mit der Aufschrift «Gute Besserung, Boris» warmliefen. Im Hoffenheimer Fanblock hing ein großes Foto des lebensgefährlich verletzten Spielers. Auf Plakaten stand: «Alles für Boris» - «Halte durch!!!» - «Kämpfen, Boris». Im Stadion war die Stimmung hörbar gedämpft, beide Mannschaften wirkten gehemmt vor der Hoffenheimer Minus-Kulisse im fünften Erstliga-Jahr von nur 22 000 Zuschauern.

«Für uns war es kein normales Spiel. Es war heute nicht einfach für die Mannschaft bei diesem Ballast, den sie mitschleppte», sagte Babbel. Auf Einzelheiten der Begegnung wollte er nicht eingehen, «weil es besondere Voraussetzungen waren». Aus seinen Worten sprach dann eine gewisse Hilflosigkeit heraus: Der Psychologe müsse jetzt «mithelfen, dass das positiv verarbeitet wird.» Das, schob er gleich hinterher, «hört sich jetzt blöde an.» Die Hoffnung dürfe nicht sterben, «wir fighten für Boris».

Kapitän Marvin Compper war der einzige Hoffenheimer Spieler, der sich ausführlich zu der schwierigen Situation äußerte, die für den Club wohl so schnell nicht leichter werden wird. «Boris liegt im Krankenhaus und kämpft um sein Leben und wir haben Fußball gespielt. Wir haben gesagt: Wir machen das, wir kämpfen für ihn, wir verstecken uns nicht oder verziehen uns nach Hause - es wäre sicherlich auch in seinem Interesse gewesen», sagte der Abwehrspieler. «Jetzt, wo das Spiel zu Ende ist, gehen die Gedanken wieder an ihn zurück. Das war der richtige Schritt für jeden von uns, zusammenstehen und gemeinsam das auszuüben, was uns mit Boris am meisten verbindet, das was er liebt, das, was wir lieben.»