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Für große Träume ist es nie zu spät

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Das Stück »Altweiberfrühling« ist noch bis Sonntag in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS zu sehen. (Foto: Heel)

Sich hinlegen und sterben können! Das ist der einzig verbliebene Wunsch der 80-jährigen Martha, denn ohne ihren unlängst verstorbenen Mann Karl, mit dem sie einen kleinen Krämerladen betrieben hat, erscheint ihr das Leben sinnlos. Da helfen auch die gut gemeinten Ratschläge ihrer Freundinnen Hanni, Frieda und Lisi nichts, und erst recht nicht die von Sohn Walter, dem Dorfpfarrer, der vor allem verärgert ist, weil Martha wieder einmal die Sonntagsmesse verpasst hat – »was sollen denn die Leute denken?« Und dann kreuzt auch noch der Bürgermeister auf und macht Rabatz wegen der löchrigen Fahne der örtlichen Singgruppe. Die soll Martha als gelernte Schneiderin nun reparieren, und zwar fix.


So spannend und vielversprechend beginnt die Komödie »Altweiberfrühling«, die in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS Premiere gefeiert hat, gespielt vom Ensemble des Traunsteiner Fabriktheaters und inszeniert von Franz-Josef Fuchs. Vorlage war dabei das gleichnamige Theaterstück des Vorarlberger Autors Stefan Vögel, das wiederum auf dem Schweizer Film »Die Herbstzeitlosen« (2006) basierte, der mit über 800 000 Kinobesuchern einer der erfolgreichsten Schweizer Filme aller Zeiten war und zugleich der eidgenössische Oscar-Beitrag des Jahres 2008.

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Im Stück setzt der Stoff-einkauf für die Fahne eine Entwicklung in Gang, mit der niemand gerechnet hat. Denn plötzlich erinnert sich Martha (Christa Fuchs) an ihren Jugendtraum von einer Dessous-Boutique in Paris. Wäre es vielleicht eine Alternative, selbst entworfene und genähte Damenunterwäsche zu verkaufen? Lisi (Christiane Jung) ist sofort Feuer und Flamme und hat auch gleich einen Namen für das Geschäft parat: »Petit Paris«. Hanni (Margit Bischlager) dagegen ist skeptisch: »Sovui Theater um a Gwand, des koana sigt«, und auch Frieda (Gabi Trattler) hält sich vorerst zurück.

Hinzu kommt, dass der Bürgermeister (Franz-Josef Fuchs) wie auch der Pfarrer (Michael Gallinger) bereits andere Pläne mit dem Laden haben: Der eine will hier für seine Partei »Land und Leute« die Zentrale eröffnen, der andere die Räumlichkeiten für seine Bibelstunden nutzen. Aber Martha und Lisi lassen sich nicht unterkriegen – auch nicht, als Walter und der Bürgermeister zu unlauteren Mitteln greifen, um das Vorhaben zu unterbinden. Zumal auch Hanni und Frieda sich besinnen und ihren Freundinnen nun doch beispringen: Die eine, indem sie endlich den Führerschein macht, die andere, indem sie einen Internetkurs belegt. Und so proben sie gemeinsam den Aufstand und zeigen dem Rest der Welt: Für große Träume ist es nie zu spät.

Von Franz-Josef Fuchs flüssig und gradlinig in Szene gesetzt, überzeugt das Stück nicht nur durch seine kurzweilige Handlung und seine humorvollen Dialoge, sondern auch durch den liebevollen Blick auf seine Figuren, die niemals der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Das siebenköpfige Ensemble agiert sehr lebendig und nachvollziehbar, allen voran Christa Fuchs, die Marthas Wandlung zur mutigen, selbstbestimmten Frau so eindringlich wie anschaulich auf die Bühne bringt. Ebenso Margit Bischlager, die sich als Hanni erst unsicher, dann aber umso entschiedener von ihren bisherigen (Hausfrauen)Pflichten emanzipiert. Eine tolle Rolle hat auch Christiane Jung, die als quirlige Lisi mit ihrem Enthusiasmus die anderen ansteckt, darunter auch ihre Tochter Susanne (Steffi Jäger), die heimlich mit dem Pfarrer liiert ist. Viel Präsenz trotz wenig Text zeigt Gabi Trattler, die als Frieda mehr die Rolle einer Beobachterin einnimmt.

Als nicht gerade zölibat-fester Pfarrer mit forschem Auftreten, aber letztendlich weichem Herz nimmt Michael Gallinger für sich ein, und Franz-Josef Fuchs gibt sehr überzeugend den populistisch-rustikalen Bürgermeister, der zwischendrin mit einer zünftigen Wahlrede inklusive Volksmusik vom Band das Publikum »aufrüttelt«. So kommt keine Minute Langeweile auf, zumal auch die Botschaft des Stücks, dass man nämlich auch in der dritten oder vierten Lebensphase noch etwas Neues anpacken kann, überaus ansprechend und aktuell ist.

Für den Bühnenbau waren Josef Häusler und Johannes Häusler zuständig, die Technik liegt in den Händen von Valentin Fuchs.

Weitere Aufführungstermine gibt es heute, Dienstag, um 15 Uhr, am Freitag und Samstag um 20 Uhr sowie am Sonntag um 18 Uhr. Wolfgang Schweiger

Blattl Sonntag Traunstein