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»Fundstücke« und »dentale Bruchstücke«

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Waltraud Müller: »Fundstücke« (Zeitung, Kleister, Pigment).
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Herbert Stahl: »Meine dentale Bruchblüte« (Handyfotografie, Durchmesser 30 cm).

Die Frühjahrsausstellung des Kunstverein Traunstein ist in diesem Jahr ausschließlich im Internet zu sehen. Unter www.kunstverein-traunstein-galerie.de kann die Online-Galerie besucht werden. Das Thema der Ausstellung lautet: »Bruchstück«, formale Vorgabe war die Einhaltung eines kreisrunden Bildformats. Unsere Zeitung stellt verschiedene Kunstwerke aus der digitalen Ausstellung vor.


»Fundstücke«

Auf einer runden, terrestrisch anmutenden Fläche mit ausfransendem Rand liegen parallel nebeneinander der halbierte Korpus einer Christusfigur aus poliertem Gips und ein Tierschädel. Die beiden Fundobjekte haben etwa die gleiche Größe. Ihr ursprünglicher Funktionszusammenhang liegt jedoch in unterschiedlichen Bereichen: Zählt das Kruzifix zur menschlichen Kulturpraxis der Religionsausübung, so wird der skelettierte Schädel der Tierwelt zugeschrieben. Handelt es sich bei dem einen um ein kulturelles Artefakt, so ist das andere ein Relikt der Natur. Was sie vereint ist die Vergegenwärtigung des Todes, beiden Objekten ist ein geradezu emblematischer Charakter zu eigen: Sinnbild des christlichen Glaubens einerseits und Symbol der Vergänglichkeit andererseits. Waltraud Müller ordnet die beiden Objekte bewusst einander zu und veranlasst den Betrachter, über die animistische Aufladung von Gegenständen nachzudenken.

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»Meine dentale Bruchblüte«

Das Motiv zerbröselnder oder ausfallender Zähne spielt nicht nur in der Traumdeutung Sigmund Freuds eine Rolle, sondern zählt längst zum Standardrepertoire der »Küchenpsychologie«. Es wird mit Verlustängsten, Vergänglichkeitsgefühlen und existenziellen Umbrüchen im Leben eines Menschen in Zusammenhang gebracht. Der Künstler Herbert Stahl zeigt einen weißen, sauber freigebohrten Zahn, der umgeben von zahnmedizinischen Instrumenten und einem zartlila getönten, noppigen Material wie ein kleiner Blütenkelch wirkt. Der Titel der Arbeit benennt diese Assoziation und stellt eine Verbindung mit dem Künstler als Privatmensch her. Aus der unangenehmen Erfahrung einer Zahnbehandlung, die aus Gründen des Älterwerdens notwendig geworden ist, wird ein positiv besetztes Bild der Frische und Erneuerung. Die verschiedenen Stofflichkeiten der Oberflächen lösen sich aus der ursprünglich körperlichen Umgebung heraus und überführen das Motiv in die Künstlichkeit, die eine Distanzierung vom schmerzhaften Erleben und eine Umwertung möglich macht.