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Furioses Wirtshauskino in der Theaterstrickerei

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Ziachweltmeister Hermann Huber sorgte bei seinem »Wirtshauskino«-Auftritt in der Theater-Strickerei Grabenstätt für die passende Live-Musik. (Foto: Müller)

Der zweifache Ziach-Weltmeister Hermann Huber aus Ainring begeisterte mit seinem Wirtshauskino in der Theater-Strickerei Grabenstätt.


Dabei spielte der Vollblutmusiker Livemusik zum Karl-Valentin-Stummfilm »Der Sonderling« aus dem Jahr 1929 – meistens mit seiner Ziach (Diatonische Harmonika), hin und wieder aber auch mit der Klarinette. Die Hauptrollen im Stummfilm spielen Karl Valentin als Schneidergeselle, Karl Valentin und Liesl Karlstadt als Paula Kuhn, Ehefrau seines Chefs Schneidermeister Friedrich Kuhn. Valentin leidet darunter, dass sie ihm nachstellt. Als er dann auch noch irrtümlich als Dieb verhaftet wird, gerät sein sensibles Seelenleben ganz aus den Fugen und er will Selbstmord begehen.

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Mehrere skurrile Selbstmordversuche scheitern zur Freude der Besucher kläglich. Als ihn die Schneidermeistersgattin zu einer Motorradfahrt einlädt, hat er dann plötzlich Angst um sein Leben: »Ich bin doch nicht lebensmüde!«, stand auf der Leinwand geschrieben. Die Besucher amüsierten sich köstlich. Mal rasend schnell, mal langsam, mal laut, mal leise, mal spannungsgeladen, dramatisch und schwermütig, mal romantisch, einfühlsam und vergnügt, aber immer punktgenau passend zu den einzelnen Szenen und Gefühls- und Stimmungslagen ließ Huber seine Instrumente erklingen. Meist mit Volksmusik, aber nicht nur. Bei einer Liebeszene spielte Musiklehrer und Komponist Huber einen französischen Walzer und bei Valentins Verhaftung einen Franz-Schubert-Landler. Auch Tango-Musik durfte nicht fehlen.

»Der Sonderling« war der erste abendfüllende Spielfilm des damals bereits bekannten Bühnenkomikers Karl Valentin, aber einer der letzten ohne Ton, denn mit der Einführung des Tonfilms in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren fand der Stummfilm auch in Europa ein schnelles Ende. Der Tonfilm wurde vom Publikum damals gerne angenommen, da er viel weniger künstlerisches Verständnis verlangte. Der künstlerische Anspruch des Stummfilms bestand hingegen darin, Emotionen durch Bilder und Musik zu erzeugen und Letzteres war es auch, was den Ziach-Weltmeister Huber zu seinem ambitionierten Live-Filmmusik-Projekt antrieb.

Die Idee zu seinem Wirtshauskino sei vor einigen Jahren bei einem Besuch im Cineplexx-Kino eines Freundes in Salzburg entstanden, wo »Der Sonderling« gelaufen sei, so Huber. Nachdem ihn sein Spezl gebeten hatte, eine Musik dazu zu schreiben und den Stummfilm mit der Ziach zu begleiten, lehnte er zunächst ab, da ihm die Harmonika dafür ungeeignet erschien. Am Ende war der Reiz dann doch zu groß und nach rund einem Jahr stieg die Uraufführung in Berchtesgaden vor mehreren hundert Besuchern.

Es war die Geburtsstunde von Hubers Wirtshauskino. Mit den Ausnahmekünstlern Valentin, Karlstadt und Huber vergingen die 90 Minuten auch in der Theater-Strickerei Grabenstätt wie im Flug. Der 1961 geborene Huber, der 2016 sein 50. Bühnenjubiläum feierte und als Musiklehrer bereits unzählige Schüler – darunter auch den späteren Fernsehstar Florian Silbereisen – unterrichten durfte, erntete für sein musikalisches Feuerwerk immer wieder lang anhaltenden Applaus. Markus Müller