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Ganz normale Liberale: Die FDP erreicht die Mühen der Ebene

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FDP-Bundesparteitag
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Wiedergewählt: FDP-Chef Christian Lindner winkt den Delegierten zu. Foto: Kay Nietfeld Foto: dpa

Lindner und dann lange nichts - die Freien Demokraten galten lange als Ein-Mann-Veranstaltung. Ein bisschen ungerecht, aber auch nicht ganz falsch: Die Partei weiß, was sie ihrem Chef verdankt. Ein paar Neinstimmen gönnt sie sich dann aber doch bei der Wiederwahl.


Berlin (dpa) - Christian Lindner hat wohl geahnt, dass er ein akzeptables, aber kein brillantes Ergebnis erzielen würde.

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»Der Vorsitzende der FDP ist qua Amt immer umstritten, in der Öffentlichkeit und intern. Das gehört sozusagen zur Stellenbeschreibung«, zitiert der FDP-Chef einen seiner Vorgänger, Otto Graf Lambsdorff - neben Teamwork und Solidarität natürlich. Wenig später bestätigen ihn 86,64 Prozent der Delegierten beim Parteitag in Berlin im Amt. Vor zwei Jahren waren es noch 91 Prozent gewesen.

Die liberale Lichtgestalt Lindner mag etwas weniger hell strahlen, doch sie leuchtet weiter. Seine mehr als anderthalbstündige Parteitagsrede verfolgen die Delegierten gebannt, applaudieren, für manche besonders heftige Breitseite gegen überehrgeizige Klimaschützer und Enteignungs-Befürworter auch tosend. Die Freien Demokraten, die nach dem Wiedereinzug in den Bundestag unter Lindners Führung im Herbst 2017 wie in Dankbarkeit erstarrt wirkten, sind an diesem Freitag ein Stück normaler geworden.

Aus dem politischen Start-up sei wieder ein funktionierender Mittelständler geworden, meint Lindner, genüsslich einen wohlwollenden Kommentar im »Handelsblatt« zitierend. Der soll nun aber bitte auch expandieren. Denn in den Umfragen stagniert die FDP seit Monaten zwischen 8 und 10 Prozent - also unterhalb jener 10,7 Prozent der Stimmen, die die Liberalen damals zurück ins Parlament brachten -, aber auf längere Sicht doch kein schlechter Wert. »Ein Land wächst mit seinen Menschen«, hat die FDP sich als Motto über diesen Parteitag geschrieben. Doch womit wächst die FDP?

»Stabil in die Zweistelligkeit« wolle man wieder kommen, verlangt Lindner, in alle Länderparlamente und nicht zuletzt in Regierungsverantwortung im Bund. Doch dazu müsste die FDP derzeit einen neuen Anlauf für eine Jamaika-Koalition wagen, also ein Bündnis mit Union und Grünen.

Zur Union sagt Lindner wenig, doch gegen die Grünen - in den Umfragen rund 10 Prozentpunkte vor der FDP - feuert er ein paar Breitseiten ab, zur Freude der Seinen. »Wir werden alle Vegetarier und Veganer, wenn es nach denen geht«, ruft er in den Saal. Er warnt vor »ökologischem Autoritarismus« hysterischer Klimaaktivisten, die Freiheitsrechte in Frage zu stellen drohten.

Investoren würden verteufelt von jenen, die Wohnungen enteignen wollten: »Das ist eine Form der Entmenschlichung«, schimpft Lindner - pointiert, aber nicht verwunderlich. Erstaunlicher ist, dass die Delegierten auch klatschen, als Lindner sagt: »Es gibt auch so etwas wie einen liberalen Feminismus« - das solle man doch nicht den Grünen überlassen.

Allein das Vorhaben, nach mehr als 30 Jahren bei einem Parteitag mal wieder einen frauenpolitischen Antrag zu verabschieden, hat viele aufgescheucht bei der FDP. Vorgesehen sind unter anderem eine Offenlegungspflicht für Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern für große Unternehmen sowie ein erweiterter Elternschutz für den Partner oder die Partnerin der Mutter nach der Geburt eines Kindes.

Doch sind tatsächlich programmatische Extrawürste für weibliche Wähler und Mitglieder notwendig - in einer Partei, die die Möglichkeiten des Einzelnen so nach vorne rückt? Wer sich hier als Frau engagiert, dem bereitet wenig mehr Unbehagen als die Möglichkeit, zur Quotenfrau abgestempelt zu werden.

Die Brandenburger FDP-Bundestagsabgeordnete Linda Teuteberg, die Lindner als neue Generalsekretärin zur Seite stehen soll, soll das Stigma nicht treffen: »Das ist keine Frage der regionalen Herkunft und des Geschlechts, sondern es ist eine Frage der Person«, betont Lindner. Die Sorge scheint unbegründet. Teuteberg wird nach ihrer umjubelten Bewerbungsrede am Abend mit satten 92,8 Prozent der Delegiertenstimmen ins Amt gewählt. Gut anderhalb Jahre nach dem Wiedereinzug in den Bundestag fällt das Rampenlicht nicht mehr allein auf Lindner.

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