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»Ganz-OHR-sein« für einen guten Zweck

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Violinistin Lea Birringer spielt den Solopart bei Ole Bulls »La Verbena de San Juan«. (Foto: Kaiser)

Die 2013 von der Wahl-Obingerin Elke Burkert ins Leben gerufene Collegia Musica Chiemgau hat sich zum Ziel gesetzt, mit professionell hochwertigen Konzerten fördernswerte Organisationen oder Institute zu unterstützen. Die Mitglieder des Orchesters sind Profis und ausgewählte engagierte Laienmusiker, die zwischen London und Salzburg, zwischen Halle und Parma tätig sind. Mitglieder aus unserer Region leben in Altötting, Bernau, Chieming, Grassau, Marquartstein, Traunstein, Reichenhall und Rimsting. Sie alle verzichten auf Gagen und begnügen sich mit dem Ersatz ihrer Auslagen.


Nach einem erfolgreichen Konzert im Kultur- und Kongress-Forum Altötting spielte das Orchester tags darauf das selbe Programm im Herkulessaal der Münchner Residenz; Schirmherrin war die Bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml. Unter dem Motto »Ganz-OHR-sein« standen »unentdeckte Werke der Klassik von der Romantik bis zur Moderne« in sinfonischer Besetzung auf dem Programm. Zu Beginn erklang der 1. Satz »Intrata« aus Johan Halversens (1864 bis 1935) »Suite ancienne« op. 31 (1911). Der norwegische Violinist, Komponist und Dirigent, dessen Vorbilder Eduard Grieg und Johan Svendsen waren, hatte damit ein Intro geschaffen, das die Collegia Musica mit fröhlichem, tänzerischem Schwung vorlegte, ein süffiges Klangerlebnis für die Ohren, von Julia Burkert, der Tochter der Dirigentin, als Konzertmeisterin engagiert koordiniert.

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Eine berührende Vita der Klaviervirtuosin und Komponistin Clara Schumann (1819 bis 1886) umriss die Moderatorin des späten Nachmittags, die Schauspielerin, Sängerin und Sprecherin Katrin Lion, vor deren Klavierkonzert Nr. 1 a-Moll op. 7. Das virtuose und ganz dem Musikgeschmack des 19. Jahrhunderts verpflichtete Konzert bot einen wuchtigen Beginn, den eine sangliche Klaviermelodie mit gefällig-geläufigen Erweiterungen auffing. Aus einem Tonleitermotiv entwickelte sich ein eingefühltes Zwiegespräch zwischen dem Klaviersolisten Christoph Declara und dem Cello-Stimmführer Martin Weikert, das dann in erregte Äußerungen von Klavier und Orchester umschlug. Besänftigend griff das Cello ein und das Stück endete in befreitem Konzertieren. Der aus Rosenheim stammende Pianist Christoph Declara belohnte den Beifall des Publikums mit einer ohrenbezwingenden Transkription aus Tschaikowskys Nussknackersuite von Michail Pletnev – er pflückte sie als reife, vollklingende Frucht.

Nach der Pause lag ein einsätziges Posaunisten- »Pflichtstück«, das Concertino für Posaune und Orchester Es-Dur op. 4 von Ferdinand David (1810 bis 1873), auf den Pulten. Der erst 20-jährige Posaunist Riccardo Gatti aus Parma fing die kleine Bläsereinleitung, die vom gesamten Orchester begeistert weitergeführt wurde, erwartungsvoll auf und veredelte sie in Wohlklang, zärtlich schmeichelnd im langsamen Mittelteil, aber auch heldisch auftrumpfend. Der Schlussteil entwickelte sich zu mächtigen Klangwogen und endete in einem schlichten Piano.

Mit Witz, Anmut und einem guten Schuss Koketterie komponiert, von der reizenden Violinistin Lea Birringer aus Wien kongenial realisiert, entwickelte sich die Spanische Fantasie »La Verbena (das Volksfest) de San Juan« für Violine, Kastagnetten und Orchester des extrovertierten Violinvirtuosen und Abenteurers Ole Bull aus Norwegen (1810 bis 1880) zu einem rhythmischen Ohrenschmaus. Die Solistin, der Kastagnettenspieler und das bestens aufgelegte Orchester legten zum Schluss eine Stretta hin, die hörenswert war. Auch Lea Birringer bedankte sich bei den begeisterten Zuhörern mit einer Zugabe, dem nachdenklich und zärtlich formulierten Satz aus einer Solo-Suite von J. S. Bach.

Und doch war für das Publikum der emotionale Höhepunkt des Konzerts die viersätzige Jazzsinfonie No. 5 1/2 »A Symphonie for Fun« von Don Gillis (1912 bis 1978) für vier Schlagzeuger und Großes Sinfonieorchester, unterstützt von Bläsern der Formation »Brassmatiker«. »Perpetual emotion« war ein starker, rhythmischer Einstieg mit vielen Blue Notes und mitreißenden Schlagwerkleistungen. »Spiritual« gab sich in angenehmer Art schwermütig und eher introvertiert. »Scherzophrenia« kam witzig, mit unerwarteten Floskeln, mit marsch-bluesartigen Figuren und raffinierten Gegensätzen. »Conclusion« fasste noch einmal alles zusammen, was Gillis den Zuhörern zu sagen hatte: »Music for Fun« – einfach genial! Engelbert Kaiser