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Gebrauchslyrik für Erwachsene

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Der Berliner Schauspieler Hans-Jürgen Schatz bei seiner Lesung im Studiotheater des Traunreuter k1. (Foto: Heel)

Auch wenn Erich Kästner vielen Lesern vor allem durch seine Kinderbücher wie »Emil und die Detektive« oder »Das fliegende Klassenzimmer« ein Begriff ist, seine ersten literarischen Erfolge erzielte er mit satirischen Gedichten, die er als »Gebrauchslyrik für Erwachsene« bezeichnete. Gedichte, die meist in Kaffeehäusern und Bars entstanden sind, wo er die Leute beobachtete, speziell die Kellner, Barmädchen und Stehgeiger, und sie »prüfte mit der Freundlichkeit eines alten Hausarztes und seine Diagnosen mit der operativen Schärfe eines Chirurgen gab« (Hermann Kesten).


Eine Auswahl davon präsentierte jetzt der Berliner Schauspieler Hans-Jürgen Schatz bei seiner Lesung im Studiotheater des Traunreuter k1, wo er nicht nur als glänzender Rezitator das Publikum beeindruckte, sondern auch deutlich machte, wie sehr er seinen Kästner kennt und liebt. Bekannt geworden durch Fernsehserien wie »Der Fahnder« oder »Salto Postale«, hat der Berliner Ende der achtziger Jahre die »kleine Form« für sich entdeckt und gastiert seitdem erfolgreich mit Lesungen. Für seine Einspielung der musikalischen Erzählung »Paddington Bärs erstes Konzert« erhielt er den Deutschen Schallplattenpreis »ECHO Klassik« 1999. Neben weiteren Auszeichnungen wurde er 2007 für sein vielfältiges gesellschaftliches Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.

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Der Schauspieler eröffnete die Lesung mit Texten zum Ersten Weltkrieg, mit Gedichten wie »Primaner in Uniform« und »Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?«, in denen Kästner gegen den Militarismus und die aufkommende Nazi-Diktatur Stellung bezogen hatte. Vom Krieg ging es weiter zur Mutter, der Erich Kästner etliche Gedichte gewidmet hatte, darunter »Eine Mutter zieht Bilanz« und »Brief an meinen Sohn«. Ein Kinderspiel, das sich in Mord verkehrte, kam in der »Ballade vom Nachahmungstrieb« zur Sprache, Humorvolles in »Ein Kind, etwas frühreif«. Als vorläufigen Höhepunkt las Schatz dann zwei Kapitel aus »Emil und die Detektive«, Kästners erstem Roman für Kinder. Eine auch heute noch spannende Geschichte, in der Dutzende von Berliner Jungs einen Taschendieb verfolgen und zur Strecke bringen, von Schatz durch den Einsatz einer Fahrradklingel und einer Hupe untermalt.

Nach der Pause ging es eher tragikomisch weiter, präsentierte Schatz Gedichte wie »Sachliche Romanze« oder »Stehgeigers Leiden«, in denen Beziehungsprobleme im Mittelpunkt standen, oder schwarzer Humor wie im »Maskenball im Hochgebirge, wo eine Schar verrückt spielender Hotelgäste nachts unbedingt Ski fahren möchte: »Das Gebirge machte böse Miene/Das Gebirge wollte seine Ruh/Und mit einer mittleren Lawine/deckte es die blöde Bande zu«. Mit »HamletsGeist«, der urkomischen Geschichte eines Schauspielers, der im Suff eine Hamlet-Aufführung unerwartet zum Publikumshit werden lässt, beschloss Schatz die mit viel Applaus bedachte Lesung. Wolfgang Schweiger