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Geburt der Musik aus dem Geist des Tanzes

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Der Cellist Sol Daniel Kim und Wakako Tani am Klavier präsentierten auf Herrenchiemsee unter anderem Cellosonaten von Claude Debussy und Sergej Rachmaninow. (Foto: Marco Frei)

Sie hat einen guten Riecher für junge, tonangebende Solisten. Mit ihrer schmucken Kammerreihe bietet ihnen Claudia Trübsbach auf Herrenchiemsee ein höchst verdienstvolles Podium. Das galt jetzt auch insgesamt für Sol Daniel Kim. Beim zweiten »InselKonzert« glänzte der in Wien geborene Koreaner vor allem mit Cellosonaten von Claude Debussy und Sergej Rachmaninow, begleitet von Wakako Tani am Klavier.


Der Schüler von Heinrich Schiff und Jens Peter Maintz hat eine glückliche Hand für die Romantik und Moderne. Mit breitem Strich und vollem Klang durchdrang Kim im Augustiner-Chorherrenstift auf der Herreninsel die Cellosonate op. 19 von Rachmaninow, ohne jedoch einem pathetischen Überschwang oder einer sentimentalen Larmoyanz zu verfallen. Das passte vortrefflich zu einer Musik, die an Peter Tschaikowsky anknüpft.

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Kim gelang eine wohltuende Befreiung vom Klischee des Süßlichen, mit dem das Schaffen von Rachmaninow oftmals verbunden wird. Dabei wurde Kim von der Pianistin Tani aus Japan umsichtig begleitet. In homogenem Duktus wurde musiziert, was auch für die späte Cellosonate von Debussy galt. Mit dem dreisätzigen Werk knüpft Debussy an den französischen Barock an, zumal François Couperin und Jean-Philippe Rameau. Das verrät nicht nur die »Sérénade« des Mittelsatzes, sondern auch die feinen, subtilen Verzierungen.

Mit der Cellosonate von Debussy wurde programmatisch eine kluge Brücke zu den barocken Suiten für Solocello von Johann Sebastian Bach geschlagen. Dass die Verbindung nicht ganz aufging, lag an der Interpretation von Kim. Für sein Gastspiel auf Herrenchiemsee hat sich Kim die vierte Cellosuite ausgesucht, keine einfache Wahl. Sie steht in Es-Dur: Diese Tonart ist für alle Streicher ein Horror.

Noch dazu wirkt die Vierte von allen sechs Cellosuiten etwas sperriger und spröder. Im »Prélude« gelang Kim eine schöne Balance zwischen romantischer Erbauung und historisch informierter Entschlackung. Mit differenziertem Vibrato und flüssigem Zeitmaß wechselte er zwischen den Klanglichkeiten, vielfältig in Ausdruck und Farbgebung. Doch schon die »Allemande« irritierte mit behäbigem Strich und schwerfälligem Tempo.

Diese Musik tanzte nicht, sondern speiste sich aus einer überrhetorischen Romantik. Ob »Courante«, »Sarabande« oder »Bourée«: Der dezidierte Tanzcharakter wurde von Kim konsequent ignoriert. Somit folgte der 1990 geborene Jungcellist ganz dem interpretatorischen Ideal des tiefsten 20. Jahrhunderts. Die finale »Gigue« geriet arg ruppig. Zudem irritierten manche freie Wiederholungen oder die gezupfte Einlage in der »Sarabande«.

Mit diesem Profil konnten zugleich keine sinnstifte Verbindungen zwischen Bach und Toshiro Mayuzumi erwachsen. Von dem 1997 verstorbenen Japaner spielte Kim das Solostück »Bunraku«. In ihm wird das japanische Puppentheater reflektiert. Die Glissando-Strukturen und Verzierungen erinnern an den japanischen Vokalstil sowie an die besondere Mimik und Gestik im Fernost-Theater: eigentlich ein Brückenschlag zum tanzenden Bach. Dafür aber hat Kim die effektreiche Klangsinnlichkeit wirkungsvoll hörbar gemacht. Marco Frei