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Gefangen in der Suche nach Freiheit

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Der Bruderhass zwischen Franz (Gregor Schulz, links) und Karl (Skye MacDonald) hat tödliche Folgen. (Foto: SLT/Löffelberger)

Es ist eine Geschichte von Bruderhass, Missgunst, Lüge, Verrat, Liebe und Tod – und gleichzeitig ein Plädoyer für die Freiheit: Schillers »Die Räuber« gehört zu den echten Schwergewichten der deutschen Literatur. Eine Geschichte, die nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart ist, ein ewig währendes Drama der Menschheit, die offenbar gerade in den großen Themen lernresistent bleibt.


Das Salzburger Landestheater hat nun mit einer dichten Inszenierung des Schiller’schen Meisterwerks aus dem Jahr 1782 eine fulminante Premiere gefeiert. Zwei Stunden Tempo, Sprachgewalt, Körpereinsatz und eine grandiose, dem Text dienliche Musikauswahl von Peter Baxrainer (vom damaligen Sturm und Drang zum neuzeitlichen Pop und Rock) substituierte dem Premierenpublikum in einem Rutsch genau das, was das allgegenwärtige Coronavirus über ein halbes Jahr verhindert hat.

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Dazu waren sechs Schauspieler genug: Skye MacDonald als Karl von Moor, Gregor Schulz als sein Bruder Franz, Matthias Hermann als Alter Graf von Moor (und als Schufterle, Razmann und Kommissarius) Nikola Jaritz-Rudle als Amalia von Edelreich und Schwarz, Tina Eberhardt als Spiegelberg und Daniel sowie Aaron Röll als Roller und Hermann – sie alle liefen, zum Teil in mehreren Rollen besetzt, bei konsequenter Figurenführung in Sarah Henkers Inszenierung zur Hochform auf.

Das Team untersuchte und beleuchtete Schillers klassischen Text aus einer zeitgenössischen Perspektive auf Revolte, Gesellschaftsordnung und Handlungsmuster, in denen ein jeder Mensch gefangen ist. Anknüpfungspunkte zum Heute sind nicht schwer zu finden – zu einer Zeit, in der gezielte Falschinformationen zu schrecklichen Konsequenzen führen. Das Echo des Erstlingswerks des damals erst 21-jährigen Dichtergenies mit seinen wortgewaltigen Sätzen, die in den Köpfen der Zuschauer nachhallen und die die Grenze zwischen Freiheitsdrang und gesetzlicher Einengung sprengen, geht also weit über die Epoche Schillers hinaus.

Schillers »Räuber« ist das Drama um die Selbstzerstörung einer Familie mit zwei Söhnen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können: Karl, Erstgeborener und vom Vater viel geliebt, ist feurig, mutig und voller Vitalität. Franz, ungeliebt, vom Neid zerfressen, kühl und listig, trachtet nach all dem, was der Bruder hat – inklusive der Liebe von Kindheitsfreundin Amalie. »Warum? Warum? Warum bin ich denn nicht der Erste aus Mutterleib gekrochen?« – Franz‘ Verzweiflung schürt infame Pläne.

Wo blindwütiger Neid regiert ist das Verbrechen nicht weit: Eine Intrige des Bruders treibt Karl in die böhmischen Wälder, wo er eine Räuberbande gründet. Auch eine spätere familiäre Versöhnung weiß Franz zu verhindern. Maßlos und unglücklich sind beide. Und beide scheitern kläglich in ihrem so unterschiedlichen Bestreben auf der Suche nach dem, was sie als »Freiheit« wähnen und reißen den Vater und die Geliebte Amalie gleich mit ins Elend. Die Räuberbande, ein in sich widersprüchlicher, wilder Haufen, dem es in erster Linie um Nachruhm und Eigennutz geht, kämpft für alles – und nichts.

Das Publikum zollte dem Ensemble größten Respekt. Keine Längen, kein Spannungsabfall, keine Verwirrungen, dafür Schauspielkunst vom Feinsten. Eine gefühlsdichte Visualisierung der Schiller‘schen »Idee« in kreativer und gelungener zeitgemäßer Umsetzung.

Skye MacDonald (Karl von Moor) feiert in »Die Räuber« sein Debüt und kann von Beginn an mit soghafter Präsenz als echte Bereicherung punkten. Die eindrucksvolle Wortgewalt Schillers findet auch in der akzentuierten Bildsprache von Eva Musils Bühnenausstattung Potenzierung: Alltagskleidung statt historischer Gewänder, auf der großzügig eingesetzten Drehbühne agieren die Figuren in einem Konstrukt aus Schaukästen, die in ihrer Ausrichtung zueinander wandelbar sind und deren zusammengefügte, schwarze Rückwand den Schauspielern ein Spannungsfeld bespielbarer Nischen bietet.

Schillers »Räuber« erbeuten in dieser Produktion vor allem eins: Riesenapplaus. Weitere Informationen und Karten gibt es unter service@salzburger-landestheater.at. Kirsten Benekam