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Gefühlvolle Lieder mit lauwarmem Charme

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Er scheint immer irgendwie ein bisschen aus der Zeit gefallen zu sein und begeistert doch stets sein Publikum aufs Neue: Max Raabe bei seinem Auftritt in Salzburg.

Ist das echt oder ein Teil der Show? Ist es Show oder authentisch? Wie auch immer, es hat Stil. Wer Max Raabe auf der Bühne erlebt und seinem Konzert aufmerksam folgt, wer sich auf seine ganz besondere Musik einlässt, der muss sich anpassen. Zappeltänzer, Fingerschnipper, »auf die Schenkel-Klatscher« sind nicht vorgesehen. Bewegung ist nicht Bestandteil des Dargebotenen.


Max Raabe selbst ist hinsichtlich seines Temperamentes nahe dem Gefrierpunkt, und doch strömt der lauwarme Charme hinunter ins fast ausverkaufte Salzburger Festspielhaus – das ist positiv gemeint. Kein Mundwinkel zuckt, auch nicht bei den dargebotenen köstlichen Anekdoten, keine Körperzelle folgt dem Takt, auch nicht wenn sein elfköpfiges Orchester mit Perfektion seine hochwertigen, meist deutschen Texte vielschichtig untermalt.

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Es bleibt ein Rätsel, wie lediglich der Stechschritt hin oder kurz einmal weg vom Mikrofon die einzige Dynamik an diesem Abend bleibt und doch die musikalische Vorstellung eine so souveräne und auch wunderbar lebhafte ist. Willkommen bei einem Max-Raabe-Konzert. Man fühlt sich zurückversetzt in ein etwas barockes Musik-Café der dreißiger Jahre. Elegant die Robe, unaufdringlich der voluminöse Klang, perfekt der Auftritt. »Ich bin nur gut, wenn keiner guckt« ist der Auftakt, schelmisch zwinkernd die Folge an Evergreens und Hits aus den 20er und 30er Jahren. Es ist einerseits eine Hommage an jene Zeit und andererseits ist es mittlerweile ein eigener und unverkennbarer Max-Raabe-Stil.

Es scheint so, als ob er die Arrangements nicht »aufwärmt«, sondern sie zu neuem Leben erweckt, sie »fortschreibt«, ohne dabei den schon fast historischen Charme zu zerstören. Gesanglich über jeden Zweifel erhaben, musikalisch perfekt begleitet kommt Max Raabe – wenn auch nicht sichtbar, aber deutlich hör- und spürbar – in Schwung. Es muss sich wohl in seinem Innern abspielen, die Leidenschaft, außen bleibt er der Fels in seiner Orchesterbrandung. »Reizend« oder die »Schöne Isabella aus Kastillien« werden dargeboten wie »I wont dance«, der Jerome-KernCover-Song.

Manchen Liedinhalten widmet der 51-Jährige eine betont konzentrierte Textpassage, manches überlässt er seinem überaus spielfreudigen Orchester, dem leider nur eine einzige weibliche Geigerin (wunderbar: Cecilia Crisafulli) angehört. In jedem Fall bleibt es humorig und doch extrem seriös. Ein Spagat, wahrhaft.

Es geht zumeist um die Liebe. Seine Lieder (gemeinsam mit Annette Humpe arrangiert) sind voller Gefühl. Aber sie werden erstaunlicherweise nicht pathetisch oder gar exhibitionistisch. Sie bleiben fein, zart, dezent, sie dosieren genau. Max Raabes Kunst besteht darin, die Form und das Gesicht zu wahren, also ein Gentleman zu bleiben und doch einen Blick in die Seele zuzulassen.

Mit »Für Frauen ist das kein Problem«, gleichnamiger Titel seiner jüngsten CD, beschließt er den ersten Set. Mit »Küssen kann man nicht alleine« und schließlich »Am Ende kommt immer der Schluss« bereitet er ebenso stilvoll wie argumentationssicher den Abgang vor.

Als der Applaus nicht verebbt, kehren alle gemessenen Schrittes zurück auf die Bühne. Die entstehende Stille überbrückt Max Raabe mit einem dezenten, aber unverändert steifen »Sehr gerne« und schließlich bei der zweiten Zugabe etwas eloquenter mit »Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns die Möglichkeit einräumten, Ihnen noch ein Stück darbieten zu dürfen«. Herrlich echt oder herrliche Show? So ganz klar ist es nicht, wie auch immer: Stil und Klasse hat es. Udo Kewitsch