weather-image
13°

Geistliche Tröstungen statt Trauerklagen

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Die Vokalsolisten Genia Kühmeier und André Schuen (von links), die beiden Pianisten Markus Hinterhäuser und Pierre-Laurent Aimard sowie Dirigent Jérémie Rhorer (rechts) und der Chor des Bayerischen Rundfunks nehmen den Beifall entgegen. (Foto: Festspiele/Marco Borelli)

Als geistlicher Beitrag zum Programmschwerpunkt des Jahres 1868 der diesjährigen Pfingstfestspiele in Salzburg ließ der Chor des Bayerischen Rundfunks zwei 1868 entstandene Chorwerke der Antipoden Anton Bruckner und Johannes Brahms zum sich einvernehmlich ergänzenden wunderbaren Sangesfest werden.


Der Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung Howard Arman) war der gefeierte Protagonist dieses beeindruckenden Matinee-Konzerts. Die differenzierende Bandbreite von der feinsten Schwebung bis zur anwachsenden Fülle dieses in sich verschmelzenden tonedlen Klangkörpers ist enorm: Präzision, klar verständliche Artikulation, werkgerechte Stilsicherheit, feierliche Ernsthaftigkeit in fließender Kantabilität und textbezogene Ausdrucksschattierungen in vokaler Qualität zeigten sich als die Stärken des Chors.

Anzeige

Bruckner schrieb seine phrygische Motette »Pange lingua et Tantum ergo« zum Lobpreis der Dreieinigkeit Gottes. Die hymnische Chorweise erwies sich als stimmiger »Vorspann« zum anschließenden Requiem. »Ein deutsches Requiem« gestaltete Brahms nicht als Totenbeweinung, sondern als tröstliche Botschaft für Trauernde und Hoffnung für ein Leben nach dem Tod. Die von ihm dafür ausgewählten Psalmen und diversen Bibeltexte passte der Komponist nicht dem liturgischen Messgewand an, das tröstende Element stellte er über die Trauer: »Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden«, intonierte der Chor wie mit Engelszungen. »Ihr habt nun Traurigkeit....und euer Herz soll sich freuen« setzte Genia Kühmeiers Engelsstimme oszillierende Sopranlichter ebenso wie feine Lyrik in »Ich will euch trösten«. »Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden«, prophezeite André Schuens kultiviert strömender Bariton.

Beide Vokalsolisten leisteten ihren schätzenswerten Beitrag zum Gesamterlebnis dieses eindringlich gestalteten Requiems: Genia Kühmeier mit ihrem warm leuchtenden makellosen Sopran und André Schuen mit ausdrucksvollem und exzellent geführtem Bariton. Nicht minder eindrucksvoll waren die Intensität und Musikalität, mit der die beiden Pianisten Pierre-Laurent Aimard und Markus Hinterhäuser an zwei Konzertflügeln anstelle des Orchesters Chor und Solisten die klingende Basis gaben.

Hier kam die sogenannte Londoner Fassung für Klavier zu vier Händen zu Gehör. Brahms selbst hatte diese Version erstellt, wenngleich eher widerwillig, wie er selbst verlautbarte, aber es war damals vielfach Usus, große Orchesterkompositionen auch in Klavierfassungen zwecks größerer Verbreitung publik zu machen. Das Ergebnis hier sprach für diese Wahl, gab dem Chor das Primat, brachte dem Ohr aber auch viele musikalische Details und Klangcharakteristiken nahe. In dieser Interpretation eine interessante und bereichernde Alternative, gut geführt und inspiriert auch vom Dirigenten Jérémie Rhorer, vor allem in seiner Korrespondenz mit dem Chor. Zügige Tempi ergaben schwebende beglückende Wirkung, daneben blieb genügend Raum für die Innigkeit, Ruhe und den Ernst des vokalen Ausdrucks in den Mollsequenzen. Fein integrierte Umschwünge unterschiedlicher Stimmungen zeigten Wendigkeit und Flexibilität des Dirigenten, der Pianisten sowie aller Vokalisten. Elisabeth Aumiller