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Hubert Hobmaier vom Kreisfeuerwehrverband Traunstein. Foto: Wolfgang Gasser

Gemeinsam statt einsam - Gedanken zum Internationalen Tag des Ehrenamtes

Ein Kommentar von Hubert Hobmaier, Kreisfeuerwehrverband Traunstein – Gerade in den letzten Jahren gewinnt man zunehmend den Eindruck, dass ehrenamtliches Engagement flächendeckend auf dem Rückzug ist. Sportvereine klagen über Trainermangel, immer wieder wird davon berichtet, dass Vereine keine Vorstandsmitglieder finden und folglich Schließungen drohen, Feuerwehren gerade während des Tages zu wenig Personal haben oder ehrenamtlich getragene kommunale Leistungen gestrichen werden müssen.


Die Liste mit Problemen kann man sicherlich auf viele weitere Bereiche ausdehnen, gefühlt fehlt es an allen Ecken und Enden am Nachwuchs oder Menschen, die sich für andere einsetzen wollen, die einfach da sind, um anderen zu helfen.

Die Gründe für diese Situation scheinen vielfältig zu sein. Egal ob es an der Leistungsverdichtung am Arbeitsplatz, Zukunftssorgen wegen politischer oder klimatischer Entwicklungen, den Kostensteigerungen im privaten Umfeld oder der demografischen Entwicklung in unserer Gesellschaft geht – man kann genügend Argumente zusammentragen, um sich gegen ehrenamtliches Engagement zu entscheiden. Vielleicht stellt auch das „was springt dabei für mich heraus“ eine Hürde dar. Ehrenamt heißt nun mal „Einsatz ohne finanzielle Vergütung“ und das ist ja ziemlich unpopulär.

Viele, die in einem Ehrenamt tätig sind, klagen über den hohen bürokratischen Aufwand oder die hohe persönliche Verantwortung bei Entscheidungsprozessen oder den Finanzen. Trotz der jahrelangen politischen Lippenbekenntnisse bis in die höchsten EU-Gremien wird der Aufwand für ehrenamtlich Tätige keineswegs weniger und die Einführung der Datenschutzgrundverordnung ist ein weiterer Baustein, der gefühlt dazu führt, als Ehrenamtlicher mit einem Bein bereits im Gefängnis zu stehen. Dies alles bilden insbesondere Gründe dafür, dass immer weniger Menschen Verantwortung in Vereinen übernehmen wollen und sich so für die Gemeinschaft einbringen.

Geht dieser Trend so weiter, werden Stück für Stück selbstverständliche Leistungen in unserer Gesellschaft wegfallen. Dies wiederum fällt dann gesamtgesellschaftlich unweigerlich allen auf die Füße, weil ehrenamtliche Leistungen entweder durch ein Hauptamt ersetzt werden müssen oder einfach nicht mehr existieren. Die Kosten dafür trägt dann wiederum die Allgemeinheit, die dies durch Steuern und Abgaben gegenfinanzieren müssen – vorausgesetzt, dass man überhaupt Personal findet.

Man muss sich also die Frage stellen, wie es sich anfühlt, wenn sich ein Notfall ereignet und die Feuerwehr nicht oder mit sehr viel Verspätung kommt, wenn unsere Kinder keinen Sport mehr machen können, weil es keine Übungsleiter oder Trainer gibt, Senioren keine Gesprächspartner mehr haben, weil niemand mehr Besuchsdienste übernimmt, Dorffeste ausfallen, weil sich niemand mehr bereit erklärt, die Vorbereitungen zu organisieren oder karitative und kirchliche Leistungen wie Seniorennachmittage oder Jugendstunden ausfallen beziehungsweise St. Martin Umzüge gestrichen werden, weil sich niemand bereit erklärt, diese durchzuführen.

Zweifelsohne hat auch die Coronapandemie und die teils drastischen Einschnitte in das Vereinsleben dazu geführt, dass viele ehrenamtlich Tätige eine andere Beschäftigung für sich entdeckt haben und nun lieber in der Freizeit aufs Rad steigen oder in die Berge gehen, anstatt zur Feuerwehrübung zu gehen oder eine Trachtenprobe für den Nachwuchs zu leiten. Gefühlt sind davon alle ehrenamtlichen Bereiche gleichermaßen betroffen. Allesamt haben Mitstreiter verloren, die sich umorientiert haben.

Und wie steht es um den Nachwuchs? Gefühlt findet das gesamte Leben in der digitalen Welt statt und das Smartphone sowie die Sozialen Netzwerke nehmen viel Raum und Zeit ein. Beobachtet man allein das Verhalten im öffentlichen Raum, so gewinnt man schnell den Eindruck, dass die Umwelt eigentlich gar nicht mehr wahrgenommen wird, weil junge Menschen von der digitalen Welt gefesselt sind. Blogger und Influencer zeichnen zudem ein Bild von Schönheit, Reichtum und das Streben, besser zu sein als alle anderen. Allein die Aufgabe, den Heranwachsenden zu zeigen, dass das eigentliche Leben außerhalb der Smartphones stattfindet, dürfte für die Zukunft ein Mammutprojekt sein.

Rund 30 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich. Viele tun dies aus einer inneren Überzeugung heraus und mit viel Feuereifer „für die gute Sache“. Für die Zukunft braucht es große Anstrengungen, das ehrenamtliche Wesen zu erhalten und somit die gesellschaftlichen Werte und ein gutes Miteinander fördern. Die Politik muss an den Rahmenbedingungen arbeiten, Anreize schaffen und Wertschätzung entgegenbringen. Arbeitgeber müssen weiterhin Verständnis zeigen, wenn Mitarbeiter beispielsweise zu einem Feuerwehreinsatz müssen oder auch mal einen Tag frei brauchen, damit sie bei den Vorbereitungen für das Dorffest helfen können.

Letztlich liegt es aber an jedem selbst, einen Teil der kostbaren freien Zeit für andere aufzubringen. „Was springt dabei für mich heraus?“ Wenn sich auch das Bankkonto im Ehrenamt nicht füllt, so wird sich jedoch sicherlich das persönliche Zufriedenheits- und Wertekonto füllen. Die Freude zusammen mit anderen ein schönes Fest organisiert zu haben, glückliche Kinderaugen nach dem Fußballtraining zu sehen, für ein paar unbeschwerte Stunden von alten und kranken Menschen zu sorgen oder ein Umweltschutzprojekt erfolgreich durchzuführen sowie jemanden in einer Notlage geholfen zu haben ist ohnehin nicht mit Geld zu bezahlen. In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass sich auch in Zukunft Menschen für ein Ehrenamt entscheiden, die ihr persönliches Zufriedenheitskonto füllen möchten und „Gemeinsam statt einsam der Gesellschaft im Ehrenamt etwas Gutes tun“.

Hob