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Genie und Wahnsinn

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Diego da Cunha (vorne links) kommt dem Original auf eigene, respektvolle Weise nahe. Das Ensemble bringt ein aufregendes Tanzereignis auf die Bühne des Probenzentrums. (Foto: Salzburger Landestheater/Löffelberger)

Michael Jackson – Sänger, Musiker, Komponist, Tänzer, Choreograf, Filmemacher und »King of Pop«: Seine ausgefallenen Kostüme und sein exotisches Äußeres sowie sein ausschweifender Lebensstil machten ihn schon zu Lebzeiten zur Kultfigur, die ihre Fans weltweit zum Kreischen brachte.


Nun ist mit »Moonwalk« ein »getanzter Nachruf« im Probenzentrum Aigen des Salzburger Landestheaters zu sehen, zu dem sich Peter Breuer, Ballettdirektor des Salzburger Landestheaters, von dem 2009 verstorbenen, großen Sänger und Tänzer inspiriert fühlte.

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Kometenhafter Aufstieg in den Musikhimmel

1965 katapultierte sich Michael Jackson in der der Familien-Band »Jackson Five« als Sechsjähriger wie ein Komet an den Show- und Musikhimmel, in dem er wuchs, reifte, alle um ihn schillernden Farben aufsog und sie wie das schuppige Kleid einer Regenbogenforelle der Welt präsentierte. Ein Mega-Star mit unwiderstehlichem Charisma, der lang über seinen Tod hinaus inspiriert, begeistert und polarisiert – er starb, ohne zu gehen.

Michael Jackson geht, tanzt, singt und erregt bis heute die Gemüter auf dem Planeten, den er mit seiner geplanten Abschiedstournee vor dem drohenden Untergang retten wollte. Die Gerüchte um seinen angeblichen Kindesmissbrauch, von denen er 2005 gerichtlich freigesprochen wurde, schwelen bis heute, wurden gar Anfang des Jahres in einer Dokumentation neu aufgekocht.

In einer Sprache, die jeder versteht, mit Mitteln, die auch Michael Jackson geprägt und gestärkt hatten, zeichnet Peter Breuer mit einem großartigen Ballett-Ensemble das Leben und Leiden des »untoten« Weltstars und sein Dasein im Rampenlicht nach. Dabei sein Wesen zu »treffen«, es spürbar zu machen und es an das zu knüpfen, was unverändert bleibt – seine Musik –, war, so konnte man an der begeisterten Reaktion des Publikums in der Uraufführung erkennen, ein geschmackvolles Mittel, an Michael Jackson zu erinnern, ohne zu ihn kopieren. Diego da Cunha kam dem Original auf eigene, respektvolle Weise nahe, dessen Herz einen ähnlichen Rhythmus zu schlagen schien.

Dunkle Bühne, Herzschlag, der sich in Lautstärke und Frequenz steigerte – schon war das Publikum mittendrin: Michael (Diego da Cunha) im Tanzfieber, täuschend echt in Bewegung und Ausdruck und voll in seinem Element. Hinter ihm die kreischenden Fans (das Tanzensemble), die ihm folgen, zu Füßen liegen, ihm nachtanzen: Segen und zugleich Fluch. Ambivalenz trifft Ekstase, Jacksons Stimme trifft das Ballett des Salzburger Landestheaters.

Michaels zündende Leidenschaft ist vom ersten Moment an seine innere Zerrissenheit gegenübergestellt. Drei (Michael-)Figuren machen sein Drama in berührenden Choreografen greifbar: Beobachtend und zuweilen beschützend tritt »Blue« (Pedro Pires), Michaels »Alter Ego« oder Seele auf. In Rückblenden werden traumatisierende Kindheitserinnerungen getanzt, aber auch Glücksmomente des sensiblen Wunderkinds mit Lockenkopf, wie es inmitten der »Großen« als Shooting-Star die Bühnen-Welt erobert. Als kleiner pfiffiger Jacko (Karine de Matos) hat er den Rhythmus im Blut, liebt, was er tut, wird aber immer wieder von Vater Joe (Iure de Castro) mit grausamer Brutalität zur Höchstleistung gedrillt.

Die Schläge und Übergriffe, die ihn wie Blitze treffen, scheint er in Tanzbewegungen zu verarbeiten, sein legendärer Fingerzeig nach oben wirkt plötzlich wie ein Hilferuf, die abgehackten Beinbewegungen scheinen Folge von Schlägen, stilisierte Handbewegungen zum Kopf werden als vom Vater angefachte Autoaggression entlarvt – plötzlich wirkt der Tanzstil wie von außen gesteuert, wie ein Ausdruck von verzweifelter Angst, die sich mit manischem Talent paart: Genie und Wahnsinn.

»Blue« begleitet, tröstet in lyrisch-eleganten Bewegungen, versucht zu retten, was zu retten ist. Der Wechsel und die Interaktion der drei (Michael-)Tänzer – Kind, Alter Ego und Michael – lassen an eine Seelen-Multiplizität denken. Es entstehen herausragend ästhetische Momente des (Ausdrucks-) Tanzes, zutiefst anrührend und in einer fast psychoanalytischen Sichtweise entwaffnend, authentisch, demaskierend und schockierend.

In »Man in the Mirror« blickt Michael in den Spiegel, der mittig auf der Bühne steht, sieht sich als Kind, versucht, sich und sein inneres Kind »frei zu tanzen«. Zu »Thriller« tanzen die Monster, entgegen der ursprünglichen Version, nicht mit Michael, sondern lassen ihn links liegen, agieren in schwarzem Lackmantel (Bühne und Kostüme: Bettina Richter) als ignorante, ferngesteuerte, gefühllose Masse.

Als »Schönheit im Spitzentanz« teilt Peter Breuer der Musik in Michaels Leben die so wichtige Rolle zu: »Music« (Larissa Mota) zieht ihn an wie die erste Liebe, stärkt und inspiriert in anziehendem Tanz: Hier lässt er sich voll ein, »liebt« von ganzem Herzen. »I just can’t stop loving you« wird zur bewegten Liebeserklärung an die Musik.

Wechsel zwischen Schrecken und Schönheit

In anregendem Wechsel beleuchtet Peter Breuer Schreckliches und Schönes, Showtanzchoreografien und gelungene musikalische Arrangements (Alexander Wengler) machen »Moonwalk« zum aufregenden Tanzereignis. Er setzt »Bad« als Tribunal mit gnadenlosem Schuldspruch in Szene, zeigt in »Beat it« Tanzduells im Street-Dance-Stil und stellt den Verbrennungsunfall, den Micheal Jackson bei den Dreharbeiten zu einem Werbespot erlitt und in dessen Folge seine Schmerzmittelabhängigkeit entstand, nach.

Als »Morphine« tanzt Paulo Muniz als eiskalter Gott in Weiß und versorgt Michael mit »Stoff«, sodass »berauschte« Choreografien zu »Heal the world« oder zu Bachs »Air« entstehen. »Angel« (Anna Yanchuk) steht oder besser tanzt Michaels unerfüllte Sehnsucht nach Liebe und Harmonie, »How an angel came to me«, und schafft den Gegenpol zum gewalttätigen Vater.

»Moonwalk« ist ein getanzter Blick auf Jacksons Leben, für das sich das Publikum mit Standing Ovations bedankte. Weitere Aufführungen gibt es bis zum 13. Juni, Karten gibt es im Internet unter www.salzburger-landestheater.at. Kirsten Benekam