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Der Geschäftsführer der CLW, Dr. Jens Maceiczyk (von links), und Jessica Stahl vom pädagogischen Fachdienst leiteten die Gesprächsrunde über die Zukunft der Werkstätten und zeigten den Gästen um Dieter Rippel (ehemaliger FDP-Bezirksrat), Ottilie Eberl (Grünen-Bezirksrätin), Jens Beeck (FDP-Bundestagsabgeordneter), Josef Mederer (Bezirkstagspräsident) und Alois Glück (ehemaliger Landtagspräsident) den neu angelegten Gemüsegarten in der Nordwerkstatt. (Foto: Rasch)

Geringe Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt: Gesprächsrunde über die Zukunft der Werkstätten der Lebenshilfe

Traunreut – Für geistig und psychisch behinderte Menschen sowie deren Angehörige sind die Einrichtungen der Lebenshilfe ein Segen. Behindertenwerkstätten stehen derzeit jedoch massiv in der Diskussion: Kritiker fordern deren Abschaffung. Mangelhafte Inklusion und schlechte Bezahlung, lautet der Vorwurf. Vor diesem Hintergrund hat sich die Chiemgau Lebenshilfe Werkstätten gGmbH (CLW) die Frage gestellt, wie es um die Zukunft der Werkstätten bestellt ist und dazu ein Perspektivgespräch mit Vertreter von Politik und Werkstattrat sowie Angehörige in der Nordwerkstatt Traunreut geführt. 


Der Geschäftsführer der CLW, Dr. Jens Maceiczyk, ist alles andere als erfreut über den Plan der Grünen-Europaabgeordneten Katrin Langensiepen, die jetzigen »Werkstätten«-Strukturen auslaufen zu lassen und in ein inklusives Wirtschaftssystem zu überführen. Die 43-Jährige mit einer Körperbehinderung engagiert sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung. In ihren Augen werden Menschen in Werkstätten wirtschaftlich ausgebeutet. Allein die Entgeltstruktur würde »jeder menschlichen Würde entbehren«, heißt es in einem Positionspapier der Europaabgeordneten.

Im März letzten Jahres hat das Europäische Parlament mit großer Mehrheit eine Richtlinie zur Schaffung eines inklusiven Arbeitsmarkts verabschiedet. Die Umsetzung in nationales Recht dürfte eine Frage der Zeit sein. CLW-Geschäftsführer Dr. Jens Maceiczyk sieht in dieser Vorgehensweise die Gefahr, dass davon vor allem die Menschen mit einer geistigen oder psychischen Beeinträchtigung nicht profitieren werden. »Trotz aller in den Werkstätten geleisteten Bemühungen, unsere Menschen mit geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln, sind die Chancen nach wie vor sehr gering, hier Fuß fassen zu können. Das liegt auch nicht zwingend am mangelnden Willen der Arbeitgeber, sondern an den zum Teil erheblichen Beeinträchtigungen unserer betreuten Menschen.« Diesen Umstand in den Diskussionen auszublenden, empfindet Dr. Maceiczyk als fatal und naiv.

Für die CLW als Einrichtung der Eingliederungshilfe habe es immer größte Priorität, »unseren Rehabilitanden den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt zu ebnen und dann auch weiter zu begleiten«. Entscheidend für diesen Personenkreis sind laut Dr. Maceiczyk vor allem aber auch andere Aspekte: offene und diskriminierungsfreie Tagesstrukturen, soziale Kontakte, individuelle Beschäftigungsmöglichkeiten ohne jeglichen Leistungsdruck, begleitende Freizeit- und sonstige Maßnahmen, aber auch gesundheitsfördernde Leistungen. »Und diese Leistungen bietet kein Arbeitsmarkt.« Selbst wenn diese Menschen in einem regulären Betrieb beschäftigt würden, wären dazu zwei Inklusionsbegleiter notwendig, verbundenen mit einem erheblichen bürokratischen wie finanziellen Mehraufwand, ist der Geschäftsführer überzeugt.

Nur vier Prozent körperlich behindert

Weiter erklärte er, dass nur vier Prozent der Menschen, die bundesweit in Werkstätten für Behinderte arbeiten, körperbehindert seien. Die Zahl der geistig behinderten Beschäftigten läge bei 75 Prozent und die der psychisch kranken Menschen bei 21 Prozent. Trotzdem nehme genau dieser kleine Personenkreis von Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen für sich in Anspruch, die vermeintlichen Belange der sehr großen Gruppe der Menschen mit geistigen und psychischen Beeinträchtigungen zu vertreten.

Neben den fünf Werkstatt-Standorten mit rund 440 Beschäftigten und 110 Mitarbeitern betreiben die Lebenshilfe Werkstätten auch zwei Inklusionsunternehmen: die Chiemgau-Maßarbeit gGmbH und die Chiemgau-Kiste gGmbH. »Wir versuchen damit, einen Zwischenschritt zu gehen«, erklärte der Geschäftsführer. Aber selbst hier seien einige der Betreuten schon überfordert und würden wieder in die Werkstätten zurück wechseln.

»Unsere Leute machen einen tollen Job und sind glücklich. Sie finden soziale Kontakte und Anerkennung«, sagte Dr. Maceiczyk weiter. Aber nicht nur der Geschäftsführer ist davon überzeugt, dass Menschen mit einer geistigen oder psychischen Behinderung mit Freude und Engagement an ihren Arbeitsplatz gehen. Das bekräftigten auch die Beschäftigten und Vertreter der CLW bei den Gesprächen mit den Politikern.

»Ich bin froh, dass ich wieder hier arbeiten kann«, sagte Gerhard. Die Arbeit in einem regulären Betrieb sei ihm zu viel geworden und er sei froh, wieder viele Aufgaben bei der CLW wahrnehmen zu dürfen. Christian vom Werkstattrat äußerte gegenüber dem Traunsteiner Tagblatt, dass er »nur« eine psychische Behinderung habe. Für ihn sei es ein fast normaler Arbeitsplatz und er wünscht sich, dass die Förderstätten beibehalten bleiben. Veronika Fischer vom Angehörigenbeirat sagte dazu: »Ich bin froh, dass wir die Lebenshilfe haben. Hier werden die Beschäftigten gefördert, aber nicht unter Druck gesetzt«. In der freien Wirtschaft würden sie untergehen. Sie seien dem Leistungsdruck mehrheitlich einfach nicht gewachsen. »Wir sind sehr froh, dass es die Einrichtung gibt, und unsere Angehörigen sollen glücklich sein.«

Nach dem rund zweistündigen Gespräch, zog auch Bezirkstagspräsident Josef Mederer ein positives Fazit pro Werkstätten: »Ich bin dankbar, weil mit diesen Gesprächen die pauschalierten Aussagen in der Medienlandschaft entkräftet werden konnten und damit einhergehen, dass die Werkstätten ihren Auftrag verantwortungsvoll erfüllen«. Gleichzeitig sprach er sich auch für Weiterentwicklungen und für eine Erhöhung der Budgets für weitere Eingliederungsmaßnahmen aus.

Bevor sich die Gäste im Mehrzweckraum der Nordwerkstatt austauschten, konnten sie sich ein Bild von den Arbeitsplätzen machen. Als Vertreter der Politik nach Traunreut gekommen waren Bezirkstagspräsident Josef Mederer, FDP-Bundestagsabgeordneter Jens Beeck, Grünen-Bezirksrätin Ottilie Eberl, SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Bärbel Kofler, der ehemalige FDP-Bezirksrat Dieter Rippel sowie der ehemalige Landtagspräsident Alois Glück, der die Lebenshilfe entscheidend mitgeprägt hat.

ga