weather-image
20°

Gipfelrausch mit Alphornzauber in Grassau

4.3
4.3
grassau Alphorn
Bildtext einblenden
Michael Büttler, Ulrich Haider und Schauspieler Johann Anzenberger präsentierten einen musikalisch-literarischen Konzertabend im Sawallisch Haus. (Foto: Benekam)

Grassau - »Immer höher«, war der Titel eines für das Sawallisch Haus in Grassau eher ungewöhnlichen Konzerts, das der veranstaltenden Sawallisch Stiftung ein volles Haus bescherte.


So wich die Stiftung inhaltlich von ihrem Auftrag, die klassische Musik und vor allem junge Talente zu fördern, etwas ab, blieb aber doch, bei genauer Betrachtung, ihrer Linie treu. Die gehörten Werke für Alphorn und Horn von Georg Haider sind perfekt gestaltete musikalische Illustrationen zu Texten des Schweizer Autors Franz Hohler und unterstreichen die alpinen Erzählungen mit passendem Klangzauber. Und das, wie könnte es besser sein, mit genau dem Instrument, das nirgends so gut wirkt wie in den Bergen – dem Alphorn. Im Zusammenwirken hören sich die Texte, dank der von Schauspieler Johann Anzenberger bravourös umgesetzten Rhythmik, an wie poetische Musik und die Musik, in fantastischer Interpretation von Ulrich Haider und Michael Büttler, wie poetische Lyrik.

Anzeige

Der Schriftsteller Franz Hohler ist ein passionierter Bergsteiger. In seinem Buch »Immer höher« steigt er von kleinen Gipfeln bis auf etliche Viertausender. In seinen Erzählungen beschreibt er Hintergründiges und Hintersinniges und beleuchtet Berge und Menschen aus anderen Blickwinkeln. Die aus dem Buch ausgewählten und von Anzenberger gelesenen Texte lassen zwischen den Zeilen große Bergliebe und philosophische Sichtweisen alpiner Abenteuer herausspüren, die in großartiger Lesung in teils lyrischer, teils humoristischer Verpackung wie ein spannendes Hörbuch daherkommen.

Zur Seele des Alphorns und dem, der es spielen will, schickte Büttler eingangs ein paar witzige Statements des Alphorn-Komponisten Alfred Leonz Gassmann voraus: »Immer beginne mit einer vollen Tiefatmung – Lass keinen Tag ohne Übung vergehen – Höre! Probiere etwas Neues, wenn dir etwas Eigenes in den Sinn kommt«. Aus eigener Erfahrung an diesem elend langen Blasinstrument fügte er hinzu: »Alphornisten brauchen Humor, sind nie neutral, bewegen sich zwischen Hohn und Bewunderung und müssen akzeptieren, dass das, was sie oben reinblasen, unten immer anders wieder rauskommt.«

Ideal eingestimmt gaben sich die Zuhörer dem poetisch-musikalischen Bergzauber hin, der per Videoprojektion konkret Ausblick auf entsprechende Berggipfel und Gletscher bot. Der musikalisch-literarische Ausflug startete am Lago di Lei, einem Bergsee auf 1931 m, mit der Erzählung »Ins Leere«. Von dort aus ging es aufwärts auf 2000 m auf den Morteratsch-Gletscher, dessen »Rückzug« Hohler anhand dort aufgestellter Zeittafeln beschreibt – traurige Zeitzeugen. Am Ende dessen, was einmal ein Gletscher war, verbleibt ein offener, eisiger Schlund, aus dem eine Art Todesschrei zu entweichen scheint, den die beiden Alphörner eindrucksvoll klanglich nachempfanden.

Lustig war die Erzählung »Das große Paradies«, ein »Verdauungsdrama«, das sich am Gran Paradiso zugetragen hatte. Nach einer deftigen Brotzeit, die sich die Bergwanderer noch vor dem Aufstieg in einer Hütte gegönnt hatten, kamen die Gedärme gehörig in Wallung, sodass die Hosen nicht schnell genug herunten waren und der Diarrhoe-Teufel seine hässliche Peitsche schwang: Das weiße, unbefleckte Paradies verwandelte sich in eine braune Spur der Fäkalverwüstung.

Die Erzähl-Tour führte die Zuhörer weiter zum Weisshorn auf 4505 m (»Ein Weltuntergang«), der dem Wanderer einen Logenplatz für eine partielle Sonnenfinsternis geboten hatte, dann zur Signalkuppe auf 4554 m (»Am Himmelsrand«), von dessen Gipfel der Autor skurrile Wolkenfiguren beschrieb. Mit dem Mont Blanc auf 4810 m, dessen Gipfel Hohler im Mondlicht bestiegen hatte, war der höchste Punkt Europas erreicht und mit dem mexikanischen Vulkanberg Popocatépetl die Erzählung »Am höchsten« mit dem letzten, alles sagenden Satz »Die Berge sind nicht tot, sie leben!« alles auf den Punkt gebracht. Riesenapplaus! Kirsten Benekam