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Glanzvolle Aufführung der »Chiemseemesse«

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Die Solistinnen Anna Fichtl (l.) und Vera Semieniuk im Münster Frauenwörth. (Foto: Kaiser)

Mit einem kostbaren Musiksommer-Konzert im Münster Frauenwörth begann der diesjährige Sommer für den Berichterstatter erst wirklich. Schon die Überfahrt und der kurze Spaziergang vom Steg zur Kirche bei Sonnenschein und milden Temperaturen war ein Genuss, und die musikalische Gestaltung des frühen Abends durch die Chorgemeinschaft und das Kammerorchester der Pfarrei Mariä Himmelfahrt Prien unter der Leitung von Rainer Schütz krönte das Gesamterlebnis.


Das zentrale Werk des Abends war die »Missa in honorem Sanctae Ursulae« C-Dur MH 546 von Johann Michael Haydn (1737-1806), der 43 Jahre lang bis zu seinem Tod in Salzburg tätig war. Er war ein Freund von W. A. Mozart; die beiden Musiker schätzten einander sehr. Die Messkomposition wurde gliedernd unterbrochen durch die marianische Antiphon »Ave Regina« von J. M. Haydn und zwei Orgelwerke, die Judith Trifellner-Spalt auf der großen Orgel spielte.

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Zu Beginn erklang die Toccata septima aus dem »Apparatus musico organisticus« von Georg Muffat (1653-1704), geboren in der Region Savoyen, ausgebildet in Frankreich, Deutschland und Italien. Er gilt als »süddeutscher« Organist und wirkte in Wien, Prag und Salzburg; ab 1690 war er Kapellmeister am Hof des Bischofs zu Passau. Die Organistin ging seine Toccata beherzt an, beeinträchtigte die Gesamtwirkung aber durch ungenaue, flüchtige Diktion und Temposchwankungen. Gut wirkte der dichte, straffe Schluss.

Ähnliches gilt für die Toccata und Fuge a-Moll von Johann Ernst Eberlin (1702-1762), der, im Schwäbischen geboren, in Salzburg ausgebildet und heimisch wurde. Von 1729 bis an sein Lebensende war er dort Hof- und Domorganist; er pflegte ebenfalls den süddeutschen Musizierstil. Der Lehrer und spätere Freund seines Landsmannes Leopold Mozart wurde Schwiegervater des Inzeller Komponisten Anton Cajetan Adlgasser. Seine Toccata, nach dem Gloria eingeschoben, konnte beim Zuhören ebenfalls keine Spannung erzeugen.

Passend nach dem Credo kam die marianische Antiphon »Ave Regina« für Bass, Viola und Streicher. Der Bariton Thomas Schütz agierte anfangs etwas wuchtig, reduzierte sein Volumen dann zu einem feinen, ausgiebigen Marienlob. Eine besondere Farbe brachte Danielle Oppermann in das Werk, die statt der Bratsche die sechssaitige Viola d'amore gewählt hatte. Ihr silbrig-sonorer Klang harmonierte prächtig mit dem Organ des Sängers.

Johann Michael Haydn hat seine »Ursula-Messe« für die begabte Violinistin und Sopranistin Ursula Oswald, die Tochter eines guten Freundes, geschrieben. Der Anlass war ihre Profess im August 1793 ins Benediktinerinnenkloster Frauenchiemsee (daher auch der Beiname »Chiemseemesse«), bei dem sie ihren Ordensnamen »Sebastiana« erhielt. Um die Bekanntschaft zwischen ihr und Haydn ranken sich natürlich Geschichten oder Vermutungen, die wohl eher dem Bereich gefühlvollen Wunschdenkens zuzuordnen sind. Jedenfalls hat ihr der Komponist eine groß angelegte Messe gewidmet, für Chor, vier Gesangssolisten, Streicher (ohne Bratschen), zwei Trompeten, Pauken und Continuo-Orgel, die im Frauenmünster 220 Jahre nach dem Anlass eine glanzvolle Aufführung erlebte.

Rainer Schütz hatte wieder einmal eine glückliche Hand in der Auswahl der Solisten. Die Sopranistin Anna Fichtl, von Schütz schon im Priener Kinderchor gefördert, mehrfache Preisträgerin bei »Jugend musiziert« im Fach Klavier, führt eine ausgereifte Stimme, die sich den Schmelz der Jugend bewahrt hat. Mit ihr harmonierte einzigartig der warm klingende Mezzosopran von Vera Semieniuk, die leider sehr wenig »zu tun« hatte. Kraftvoll, angenehm dunkel timbriert klingt der Tenor von Manuel Warwitz, der Bariton Thomas Schütz setzte seine große Stimme selbstbewusst und intelligent ein. Als homogenes Quartett fanden die Solisten erfreuliche und dankbare Aufgaben. Die bestens vorbereitete und aufgelegte Chorgemeinschaft meisterte sanglich anspruchsvolle Aufgaben und sorgte mit den Solisten und dem präzis-aufmerksam musizierenden Orchester für ein überzeugendes Klangbild.

Das Kyrie begann mit einem lieblichen Sopransolo und wirkte optimistisch, zwischen Soli und Chor wechselnd. Das Gloria lebte von alternierenden Soli-Paarungen der Frauen und der Männer und wurde mit der mitreißenden Chorfuge »Cum sancto spiritu« spannend beschlossen. Im Zentrum des großartig durchkomponierten Credos stand ein berückender Viergesang der Solisten, das »Et incarnatus est«, umspielt von zwei Soloviolinen. Sanctus und Benedictus atmeten schieren Mozartschen Geist; Anna Fichtl erfüllte das anspruchsvolle Benedictus-Solo mit brillantem Leben. Das Agnus Dei endete mit einer geradezu fordernden »Dona nobis pacem«-Bitte.

Die Zuhörer im Münster waren tief beeindruckt von dieser sensibel-überzeugenden Aufführung am angestammten Ort. Engelbert Kaiser