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Gaetano Donizettis konzertante Oper »Lucrezia Borgia« begeistert bei den Salzburger Festspielen

Glanzvolle Stimmen veredeln düsteren Stoff

»Bella Venezia« sind die ersten Worte der Oper und am Ende singt der Chor »Grausames Schicksal«. Dazwischen kreisen italienische Melodik und erlesene Vokal-Arabesken um die fatale Geschichte von Liebe, Mord und tragischer Mutter-Sohn-Beziehung – in der letzten Festspielpremiere im Großen Festspielhaus in Salzburg setzte sich leuchtende gesangliche Bravour in Kontrast zum düster dramatischen Inhalt des Opernstoffs mit seinen Verkettungen glückloser Umstände.

Unter der Leitung von Marco Armiliato (vorne, von links) begeisterten das Mozarteumorchester Salzburg sowie Krassimira Stoyanova (Donna Lucrezia Borgia), Juan Diego Flórez (Gennaro) und Ildar Abdrazakov (Don Alfonso). (Foto: Borrelli/Salzburger Festspiele)

Lucrezia Borgia ist in der Oper einerseits die mordende Giftmischerin und im Gegenzug die liebende Mutter. Sie beugt sich liebevoll über den schlafenden Gennaro, der sich vom turbulenten Treiben eines venezianischen Maskenfestes erholt. Indessen ergehen sich sein Freund Maffio Orsini und eine Gruppe junger Adeliger in heftigen Anschuldigungen über die Grausamkeiten der als Giftmischerin verschrienen Lucrezia Borgia, Gattin des Herzogs Alfonso von Ferrara.

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Als Gennaro erwacht, erblickt er die ihm zugewandte, fremde Frau, für die starke Gefühle in ihm erwachen. Nur seine Mutter, die er nie kennengelernt hatte, würde er noch mehr lieben als sie, gesteht er der Fremden. Orsini erkennt in ihr Lucrezia Borgia und Alfonso glaubt, Gennaro sei der Liebhaber seiner Frau und sinnt auf Rache. Lucrezia wiederum verlangt den Tod desjenigen, der den Namen Borgia an der Palastfassade zu »Orgia« verunstaltet hat.

Zu ihrem Erschrecken wird Gennaro als der Schuldige vorgeführt und Alfonso zwingt ihn, den Giftbecher zu trinken. Lucrezia reicht Gennaro heimlich ein Gegenmittel, mischt aber selbst Gift für Orsini und die anderen jungen Spötter, nicht ahnend, dass unter ihnen auch noch Gennaro weilt, den sie bereits abgereist wähnte. Zum zweiten Mal vergiftet, stirbt Gennaro, nachdem ihm Lucrezia verraten hat, dass sie seine Mutter ist. »Ein barmherziger Gott soll mich wenigstens im Tod mit dir vereinen«, bittet Gennaro sterbend. Und Lucrezia bricht über ihm mit den letzten Worten zusammen: »Er war mein Sohn, meine Hoffnung, mein Trost. Mein Herz ist mit ihm gestorben.«

All die Grausamkeiten finden in brillanten Kantilenen mit reicher emotionaler Ausdrucksskala und betörenden Klangfarben statt. Oper eben: Musikalische Schönheit und gesangliche Kultur überhöhen tragische Konflikte und Abgründe. Juan Diego Flórez ist Gennaro mit brillantem tenoralem Leuchten, fulminanten Spitzentönen, flinker Koloraturbravour und emotionaler Ausdruckskraft. Eine hochkarätige Gesangsleistung, wie sie derzeit nicht zu überbieten ist.

Krassimira Stoyanova singt eine wunderbare Lucrezia. Sie gibt der Figur alle Facetten von zärtlichen Muttergefühlen zu dramatischer Kraft und stolzem Gebieten. Sie spinnt herrliche Kantilenen, Legatobögen, agile Läufe und Koloraturzierwerk. Auch im dramatischen Einsatz und in den Spitzenregionen der Sopranhöhen überzieht sie nicht, überschreitet nicht die Grenze, sondern behält immer die hohe Qualität und schöne Farbe in der Tonformung.

Eine überraschende Entdeckung ist die fabelhafte italienische Mezzosopranistin Teresa Iervolino als Orsini. Sie kann mit einer satt gerundeten Mezzoqualität punkten, die zugleich Strahlkraft und Biss hat. Seinen klangvollen Bass setzt Ildar Abdrazakov für den Herzog Alfonso mit viriler Kraft und sonorer Klanglichkeit ein. Die hohen Töne kostet er mit Überlängen effektvoll aus.

Da braucht es einen erfahrenen Dirigenten wie Marco Armiliato, der solche Extratouren wie selbstverständlich mit dem Orchester aufzufangen weiß. Armiliato leitet das Mozarteumorchester mit gewohnter Zuverlässigkeit. Die Musiker bedienen die orchestrale Seite mit Elan, auch wenn hierbei eindeutig die Sänger im Vordergrund stehen. Auch der Wiener Staatsopernchor sowie in kleinen Rollen Andrew Haji und Gordon Bittner tragen ihr Bestes zum rauschenden Fest schöner Stimmen bei.

Ohne solche vokalen Spitzenleistungen der Solisten müsste man sich um die Zukunft der Oper Sorgen machen. Hier aber durften die Melomanen und Gesangsliebhaber einen ebenso beeindruckenden wie genussreichen Opernschmaus erleben. Der Applaus fiel entsprechend euphorisch aus. Elisabeth Aumiller