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Global denken, lokal essen – Ernährungsrat für den Landkreis?

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Sie haben ein gemeinsames Ziel: Eine nachhaltige, gerechte und ökologische Lebensmittelversorgung der Region. Von links: Johanna Kobsa, Marlene Berger-Stöckl, Gisela Sengl und Beate Rutkowski.

Traunstein – Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Genau um dieses »mehr« ging es den Akteuren eines Treffens im Gasthaus Sailer-Keller, die nach dem Vorbild anderer Städte einen Ernährungsrat für den Landkreis ins Leben rufen wollen.


Er soll sich mit allen Fragen rund um die Ernährung beschäftigen und damit Erzeuger, Verarbeiter sowie Verbraucher zusammenbringen. Die offizielle Gründung des Ernährungsrats soll im Herbst erfolgen.

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Als »Think Tanks für ein lokales Ernährungssystem« beschrieb Beate Rutkowski, Kreisvorsitzende des Bundes Naturschutz, die Ernährungsräte. Denn: »Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme.« Boden, Luft, Wasser müssten stärker ins Blickfeld rücken, die eigenen Gesundheit und das Wohl der Mitgeschöpfe Priorität haben. Frisch, vollwertig, regional und saisonal sollte die Ernährung sein, »am besten bio«.

Die Voraussetzungen im Landkreis Traunstein seien insgesamt gut, meint Rutkowski, es gebe noch eine kleinstrukturierte Landwirtschaft, davon einen beachtlichen Teil, der biologisch und ökologisch wirtschafte, dazu Bäcker und Metzger, Bauern- und Wochenmärkte samt Hofläden. Dazu kämen die Ökomodellregion und die Umweltverbände. »Luft nach oben« erkennt die BN-Kreisvorsitzende in der Gastronomie und bei der Schulverpflegung.

Der Initiative »Slow Food« gehe es um eine nachhaltige Kultur des Essens, erklärte Johanna Kobsa. Im Chiemgau sei man »einigermaßen aktiv«, beschrieb es Kobsa als Mitglied im Führungsteam. Ein Anliegen ist der Erhalt alter Sorten, denn biologische Vielfalt bedeute auch Ernährungssicherheit. Gerade in Zeiten des Klimawandels sei man damit »breiter aufgestellt«. »Gut, sauber, fair« sei der Slogan, denn es gehe auch um faire Preise für die Bauern.

Von der »unglaublichen Vielfalt« in der Region schwärmte Marlene Berger-Stöckl, die Koordinatorin der Ökomodellregion Waginger See – Rupertiwinkel. Zehn Gemeinden haben sich hier zusammengeschlossen, um den Ökolandbau zu fördern. Inzwischen arbeiten bereits zwölf Prozent der Betriebe in diesen Gemeinden biologisch. »Das hat nur einen Sinn, wenn ich meine Erzeugnisse entsprechend vermarkten kann«, weiß Berger-Stöckl, die sich um ein Netzwerk von Landwirten, Verarbeitern und Verbrauchern bemüht.

»Bio und regional« ist für die Grünen-Landtagsabgeordnete Gisela Sengl der »Königsweg«. Die agrarpolitische Sprecherin ihrer Fraktion hatte eine umfangreiche Präsentation vorbereitet, einerseits mit dramatischen Zahlen, was Ernährung und Gesundheit betrifft, andererseits mit Positiv-Beispielen wie der neuen Pettinger Grundschule, wo für die Kinder frisch gekocht werde. »Der Gemeinde ist es das wert«, würdigte Sengl deren Engagement. Wünschen würde sie sich jedoch verpflichtende Standards in der Schulverpflegung. Vor allem aber dürfe Essen nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen.

In ihrer Schulmensa habe sie zuletzt in der 6. Klasse etwas gegessen, erzählte Hannah Unterreitmeier, Vorstandsmitglied der Grünen Jugend Traunstein. Für die Eins-Komma-Null-Abiturientin ist es wichtig, »dass man checkt, dass man etwas bewirken kann.« Das bestätigte die Schülerin Tatjana Reit: »Seit es an unserer Schule gute Küche gibt, gehen plötzlich sehr viel mehr hin zum Essen.«

»Warum klappt es bei uns so gut?«, fragte Dr. Martin Brunnhuber, stellvertretender Schulleiter am Berufsschulzentrum Traunstein. »Schüler kochen für Schüler«, antwortete er selbst, und damit entstünden keine Personalkosten. Für drei Euro täglich, mit zwei Gerichten zur Wahl samt Nachtisch könne man Schüler ausgewogen ernähren. Noch etwas: »Ein Schulgarten ist in jeder Schule möglich.«

»Keine faulen Kompromisse«, fordert Herrmann Hofstetter von der ÖDP, denn allzu viel laufe unter dem Sigel regional. »Bio kriege ich überall, öko ist wichtig«, meinte Karin Frank vom Forum Humane Landwirtschaft, Bewusstseinsbildung sei ganz entscheidend. »Wissen woher mein Essen kommt«, bekräftigte auch ihr Mitstreiter Erwin Kiefer.

Bärbel Foster aus Taching plädierte dafür, die Gemeinden zu aktivieren, Positivbeispielen zu folgen. Ein solches Beispiel ist für Marlene Berger-Stöckl das Kinderkrankenhaus Landshut, wo man die Verpflegung auf 100 Prozent bio umgestellt habe – bei gleichem Budget. »Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg«, ist sie überzeugt.

»Die guten Beispiele sind wichtig«, unterstützte das Gisela Sengl, beklagte aber gleichzeitig den Mangel an Fachkräften in der Gastronomie. Die Landtagsabgeordnete erkennt einen »Dreiklang: Erzeuger, Vermarkter, Ernährung.« Und damit ein großes und wichtiges Thema, das es wert sei, sich damit zu beschäftigen. hög