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Goaßbock-Musi und »Kleine Walzer«

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Bedingungslose Hingabe an die Musik zelebrierten Martina Eisenreich und Andreas Hinterseher bei ihrem Konzert in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS. (Foto: M. Heel)

Eine ganze Reihe von Auszeichnungen und Nominierungen hatte es im Herbst gegeben für die Werke der begabten, feinfühligen und leidenschaftlichen Musikerin und Filmmusikkomponistin Martina Eisenreich. Auf den Live-Bühnen hatte sie sich in letzter Zeit eher etwas rar gemacht, sich dafür mehr kompositorischer Arbeit gewidmet. Zusammen mit dem Quadro Nuevo-Akkordeonisten Andreas Hinterseher spielte sie in der Kulturfabrik NUTS vor begeistertem Publikum ihr letztes Konzert vor einer ausgiebigen Frühjahrspause.


Die barfüßige, rothaarige, sympathische Teufelsgeigerin und ihr Gegen-Mit-Spieler, der eher zurückhaltende, ruhige, aber mit einem herrlich hintersinnigen Humor ausgestattete Ausnahme-Akkordeonist Andreas Hinterseher sind ein eingespieltes Team, das sich blind und gefühlvoll versteht. Sie lassen sich gegenseitig viel Raum für die Entfaltung ihrer emotionalen Spielweise, Raum für Interpretationen und Improvisationen, schleifen so immer neue, eindrucksvoll schillernde Facetten in die Diamanten ihrer musikalischen Arbeit. Für Fans und Publikum wird so jedes Konzert zu einer faszinierenden Entdeckungsreise in neue, andere Tonwelten.

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Bekannte Filmsoundtracks aus »Spartacus«, »Yentl« oder »Il Postino« erhalten so ein zum Teil völlig verändertes Gesicht. Mulsette-Walzer, »kleine Tänzlein«, Tangos oder bekannte Kompositionen Astor Piazollas werden zu einer leidenschaftlichen, tiefgreifenden Erfahrung mit Gänsehautfaktor. Django Reinhard und Michel Legrand hätten vermutlich ihre helle Freude an den Interpretationen der beiden Ausnahmekünstler. Andreas Hinterseher präsentierte auf dem Bandoneon den melancholischen Tango »Canción de Ausencia«. Einen waschechten, und eigentlich eher unbekannten (oder vergessenen Oldie, der auf »mysteriösen Wegen zu den beiden kam) präsentierte das Duo mit Akkordeon und Trompetengeige: Peter Kreuders »Du gehst durch all meine Träume«, aus einer Zeit, erzählt Andreas augenzwinkernd, »als der Komponist noch arm, weil unbekannt, war.«

Selbstverständlich hat das Duo aber auch eine Reihe eigener Stücke eingepackt, die es dann mit humorvollen Ansagen und aberwitzig-amüsanten Erzählsträngen erklärt. Zum Beispiel wie sie sich überlegt haben, dass sie ihre von ebenso großer Experimentierfreudigkeit wie fantasievollem Einsatz ihrer Instrumente geprägte »Arbeit« einfach als »Postinspirative Musikgattung« bezeichnen wollen, mit Regeln für Studenten in 300 Jahren (die sie jetzt aber für sich doch lieber vorerst mal außer Kraft setzen wollen). Die Idee dazu sei in Tunis entstanden, beim Wind-und-Wetter-Ritt auf den Kamelen Helmut und Shakira. Zur avantgardistischen »Goaßbock-Musi« gab es ebenfalls eine überaus schräg-lustige Vorgeschichte mit Bergwanderung, Befreiung einer Glocke von einem lästigen Schaf, Verfolgungsjagden mit Ziegen und einer Flucht, die in Bran endet – ohne unheimliche nachtaktive Gestalten – oder so ungefähr in der Reihenfolge. Es sind abenteuerliche Geschichten, faszinierend emotionale Reisen durch die sphärisch-betörende Welt märchenhafter Klanglandschaften und ausgefallener »Musikgeräte«, die sich hervorragend mit bekannten klassischen Instrumenten ergänzen. Flirrende Töne aus der Trichtergeige treffen auf Muschelgebilde und bunte Metallkonstruktionen, Wasserharfe, Bhodran und ein fein säuberlich um da berühmt-berüchtigte »blaue Reiseschlagzeug« drapiertes buntes Sammelsurium an »Geräuschkasterln«, denen Meister-Perkussionist Wolfgang Lohmeier als Gast für zwei Stücke alles abverlangt und Töne und Takte entlockt, wo eigentlich keine mehr sind.

Auch Martina Eisenreich und Andreas Hinterseher verlangen ihren künstlerischen »Werkzeugen« alles ab und schenken sich auch selbst nichts. Der Lohn für ihre bedingungslose Hingabe an die Musik und das gemeinsame Zusammenspiel ist ungeteilte Aufmerksamkeit des hingebungsvoll und begeistert lauschenden Publikums. Maria Ortner