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Grauen-Parkplätze und toxische Dämlichkeit

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Die aktuelle Debatte über die umstrittenen Grauen-Parkplätze war längst überfällig. Sind sie ein sinnvolles Instrument, um das Grauen beim Parken zu erleichtern? Oder nur ein weiteres Vehikel der Diskriminierung? Schwer zu sagen. Klar ist nur eines: Die toxische Dämlichkeit treibt die Welt in den Abgrund und das Parkdeck zum Einsturz.

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Grauen-Parkplätze haben im Berchtesgadener Talkessel eine lange Tradition. Ganz im Zeichen der Emanzipation sprachen sich die hiesigen Planer früh gegen den überkommenen Pragmatismus – fachsprachlich: Parkmatismus – von Kommunen mit ausreichend brauchbaren Parkraum aus. Mit Erfolg. Parkplätze wie der am Triftplatz oder das Ganghofer-Parkdeck sind an toxischer Dämlichkeit nicht zu überbieten. Eng, gefährlich und schlampig gemacht.

Ein Rechtsreferendar aus Recklinghausen hat nun gegen die Grauen-Parkplätze im Berchtesgadener Land geklagt. Und Recht bekommen. Denn Grauen-Parkplätze sind prinzipiell für alle da. Mit den damit verbundenen Schikanen muss jeder Nutzer klarkommen: Frauen, Männer, Transgender und Skitourengeher. 

Ein Gerichtsurteil, das für Aufruhr sorgt. Deshalb hat sich der „Berchtesgadener Anzeiger“ in den fünf Talkessel-Gemeinden nach den Folgen dieser Rechtsprechung erkundigt. Demnach ist der Fall in der Marktgemeinde Marktschellenberg klar. „Wir brauchen generell keine Parkplätze“, erläutert Geschäftsleiter Manfred Albern (Name geändert). „Zu uns kommt nämlich keiner. Wir sind ein reiner Durchgangsort.“

Alberns Ramsauer Kollege Manfred Magnichttrepper hingegen zeigt sich verwundert. „Haben die also tatsächlich das Automobil erfunden. Respekt“, sagt er. „Diesem Umstand werden wir als Bergsteigerdorf natürlich Rechnung tragen und uns überlegen, ob wir den einen oder anderen sogenannten Parkplatz errichten werden“, so Magnichttrepper weiter. „Gegen ein Nutzungsentgelt von 15,76 Euro pro halber Stunde kommen die Lenker dieser modernen Motorkutschen bestimmt auf ihre Kosten.“

Auch für die Gemeinde Bischofswiesen sind Grauen-Parkplätze Neuland. Denn bisher war der Ort per Auto wegen der zahlreichen Baustellen und Sperrungen eh kaum erreichbar. Geschäftsleiter Bertrupp Claw arbeitet aber schon an einer Lösung. Denn: „Grauen muss man sich trauen“, lautet sein Motto. Am größten Grauen-Parkplatz der Welt arbeitet derzeit die Gemeinde Schönau am Königssee. Die Idee dahinter ist so einfach wie genial: Während die neue Jennerbahn viermal so viele Gäste pro Stunde wie alte befördern kann, gibt es keinen einzigen zusätzlichen Parkplatz. „Des is de Challenge, wenn ma nauf wü aufn Summit“, sagt Hauptaktionär Peter Hettegger aus Großarl, ein gelernter Gelddruckmaschinenbauer.     

Auf Bewährtes setzt hingegen die Marktgemeinde Berchtesgaden. „Unser Parkdeck des Grauens ist eine weltweit beliebte Marke“, betont Bürgermeisterin Maria Gern. Deshalb wurde es von August bis Dezember unter Vollsperrung aufwendig saniert. Teilweise waren angeblich bis zu zwei (!) Arbeiter gleichzeitig im Einsatz. Die durchaus diffizile Vorgabe, sämtliche Schlaglöcher zur Pfützen- und Eisplattenbildung beizubehalten, hat die Baufirma mit Bravour erfüllt.

Und auch die beliebte Auffahrt des Grauens, bei der man nicht weiß, ob man sich rechts oder links halten soll, gibt es nach wie vor. Um die Grauen-Power für Berufspendler zu intensivieren, beträgt die Höchstparkdauer nur noch fünf Stunden. Diese Neuheit wurde kürzlich anlässlich des Weltgrauentags präsentiert. Christian Fischer

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