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Grenzenlos »wuid«

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Thomas Hartmann am Flügel, Johann Schmuck am Alphorn bzw. Bassposaune und Heinrich Albrecht an der Ziach hatten grenzenlosen Spaß – genau wie die Konzertbesucher. (Foto: Benekam)

»Wuid und dahoam« war der Titel des Konzerts im Rahmen der Chiemgauer Kulturtage, den sich die drei in der Region beheimateten Musiker Thomas Hartmann (Klavier), Johann Schmuck (Bassposaune, Zugposaune, Alphorn) und Heinrich Albrecht (Diatonische Ziehharmonika, Gesang) für ihren »Heimatabend der etwas anderen Art« ausgewählt hatten.


Die Gäste im gut besuchten k1-Studio kamen aus dem Staunen nicht heraus: Es waren ja eigentlich nur drei Musiker, aber trotzdem war die Bühne voller Instrumente. Auch das Gehörte klang nach mehr. Das lag, wie sich herausstellen sollte, an der wilden, innovativen und fast schon verspielten Improvisationsfreude, in die sich das Trio gestürzt und förmlich ausgetobt hatte. Dabei sprengten sie nicht nur die Grenzen der Möglichkeiten ihrer Instrumente, sondern durchkreuzten mühelos vielerlei Musikgenres und vermischten sie miteinander, wodurch bunte Klanggebilde entstanden. Außerdem garnierten sie bekannte Kompositionen berühmter Musiker mit ideenreichen Auswüchsen.

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Eigentlich, so verriet Hartmann eingangs den Konzertbesuchern, hatte man vor drei Monaten, als man sich für dieses »Projekt« zur ersten Probe zusammenfand, noch keine Ahnung, wohin die gemeinsame musikalische Reise führen sollte. Schon nach der ersten Nummer aber war allen Zuhörern klar, dass dieses Trio angekommen war: Die »Frühlingsweis« deutete die Richtung. In die zarte, sich langsam entwickelnde Klaviermusik schlich sich die Bassposaune hinein und gab der Melodie so eine völlig andere Richtung, die durch das Einstimmen der Ziach eine exquisite Note erhielt.

Alles handgemacht, nicht nur die Musik, nein, auch die Arrangements, denn für eine derartige Instrumentierung wird man sich schwertun, vorgefertigtes Notenmaterial aufzutreiben. Nach dem attraktiven Eröffnungshäppchen schwangen sich die drei Musiker zu hohen Zielen auf: Hartmann hatte sich Carl Orffs »Carmina Burana« zur Brust genommen und daraus vier Stücke bravourös umarrangiert. Orffs Werk, reduziert auf drei Instrumente, war ein spannendes musikalisches Experiment, welches, so Hartmann, Carl Orff sicherlich selbst gefallen hätte. Gut, dass der Flügel so viele Tasten hat und Hartmann so schnelle Finger. Den Zuhörern im k1 jedenfalls gefiel es sehr, wie man am kräftigen Applaus erkennen konnte.

Bei einer Art Zwiegespräch zwischen Alphorn und Diatonischer Ziehharmonika war im Anschluss Zeit zum Durchatmen. Zwischen Alphornklängen aus dem Foyer und Harmonikaklängen von der Bühne, fühlte man sich in alpenländisches Idyll versetzt: »dahoam«. Eine Bergidyll-Meditation mit Alpenglühen, zum Träumen schön, aus der man mit einem lustigen Landler geweckt wurde.

Speziell für dieses Konzert arrangiert kamen dann drei Uraufführungen zu Gehör. Der »k1-Marsch« strotzt vor musikalischer Lebensfreude, ebenso die drei virtuosen Komponisten, die auch im folgenden »Glowing in the Alps« genreübergreifend zwischen jazzigen Elementen und volksmusikalischen Eskapaden wechseln. Hier sei betont, dass ein Alphorn nicht unbedingt nur alpenländisch bespielbar ist: Schmuck lässt es durch Stimmeinsatz während des Blasens wie ein australisches Digeridoo klingen und erdet so die groovigen Jazzklänge des Klaviers.

Vor der Pause widmeten sich Hartmann und Albrecht mit einem Choral von Bach der Kirchenmusik. Beim Lauschen der ergreifend schönen Singstimme von Heinrich Albrecht fragte man sich, wie das nun noch zu toppen wäre und die Antwort lieferte prompt ein Alphornsolo, mit dem die Konzertbesucher nach der Pause begrüßt wurden. »Wuid« und grenzenlos – oder vielleicht besser noch, in der grenzenlosen Weite der Musik »dahoam«, zeigte sich das Trio auch mit den Kompositionen »Erinnerung an Niederachen« (sehr gefühlvolle Komposition für Ziehharmonika von Albrecht) und »Johann am Berg« (ein von Hartmann komponierter Soundtrack zur 8000er Besteigung Schmucks für Klavier und Posaune).

Sehr abwechslungs- und kontrastreich genossen die Zuhörer im Anschluss ein Lied von Franz Schubert, dem Albrecht noch ein zum Thema passendes Gedicht vorausschickte und danach »Im Biergarten« (Hartmann) und »Schmetterling in der Kirch’« (Hartmann und Albrecht). Eine echte Abenteuerreise war dieses Konzert und ein Beweis dafür, dass weniger oft mehr ist, Musik nicht nur inspiriert, sondern beflügelt und beseelt und zwar Musiker gleichermaßen wie Zuhörer. Die Konzertbesucher hätten wohl noch stundenlang zuhören wollen. Nach etlichen Zugaben und langanhaltendem frenetischem Applaus klangen schöne Töne und fantasievolle Ausblicke im k1-Studio nach. Kirsten Benekam