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Große Gefühle zur Eröffnung

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Das Ensemble »Quatuor Hermès« mit Pianist Nicholas Rimmer interpretierte auf allerhöchstem Niveau Werke von Haydn, Brahms und der polnischen Komponistin Grazyna Bacewicz. (Foto: Benekam)

Anfang September neigt sich der Sommer aus meteorologischer Sicht langsam dem Ende zu. Aus musikalischer Sicht aber geht die warme und reiche Jahreszeit in Traunstein für Freunde Klassischer Musik im Rahmen der Traunsteiner Sommerkonzerte so richtig in die Vollen.


Zum 36. Mal bringt das kleine, aber feine und international bekannte Traunsteiner Kammermusikfestival die Vielfalt Klassischer Musik von Komponisten und Musikern unterschiedlichster Nationen zum Blühen, zieht zahlreiche Besucher von nah und fern an und schlägt somit Brücken. In einer kurzen Begrüßungsrede zu Beginn des ersten von acht Sommerkonzerten bedankte sich Oberbürgermeister Christian Kegel bei der künstlerischen Leiterin Imke von Keisenberg, der es auch heuer wieder gelungen sei, ein hochkarätig besetztes Programm zusammenzustellen, in dessen Mittelpunkt Kompositionen polnischer Komponisten stehen.

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In dem ausführlichen Programmheft der Sommerkonzerte, die heuer in der Aula des Annette-Kolb-Gymnasiums über die Bühne gehen, sticht ein Satz ins Auge, der für die gesamte Konzertreihe bezeichnend erscheint: »Mischung und Synthese sind das, was in der Musikgeschichte immer wieder, von der Renaissance über Barock bis hin zur Klassik, Charakteristikum aller universellen Begabungen war«. So mischte sich im ersten Konzert die polnische Komponistin Grazyna Bacewicz (1909 bis 1969) mit ihrem Klavierquintett Nr. 1 klangvoll zwischen Kompositionen von Joseph Haydn und Johannes Brahms: Ein wunderbares Aussöhnen eines einst mehr als zerrütteten Verhältnisses der Nationen.

Das französische Ensemble »Quatuor Hermès« legte die Messlatte für die folgenden Konzerte denkbar hoch. Die vier Musiker Omer Bouchez (Violine), Elise Liu (Violine), Lou Chang (Viola), Anthony Kondo (Violoncello), die von dem Pianisten Nicholas Rimmer begleitet, in ihrer Virtuosität wenig Luft nach oben ließen, ernteten zu Recht wahre Begeisterungsstürme beim Eröffnungskonzert. Zum Dahinschmelzen schön war das Streichquartett Nr. 76, B-dur, op. 76, Nr. 4, Hob. III:78 »Der Sonnenaufgang«, welches 1797 von Joseph Haydn komponiert, in der Interpretation des Quartetts die Sonne einmal mehr aufgehen ließ. Spannend und zugleich entspannend tat das viersätzige Werk in seinem Variationsreichtum auf die Konzertbesucher eine euphorisierende Wirkung. Die ruhigen und weichen aufsteigenden Violinenstimmen über einem liegenden B-Dur-Akkord der übrigen Streicher, ließen das Aufsteigen der Sonne durch Dunst oder Nebel assoziieren.

Nach Haydns Genusshappen gab es mit dem 1952 komponierten 25-minütigen Klavierquintett Nr. 1 der polnischen Komponistin Grazyna Bacewicz grandiose Musik zum »Mitdenken«. Überraschende Klangmomente, disharmonische Wendungen und rasche Rhythmuswechsel erinnern an ein aufregendes Hörspiel oder an Filmmusik, wobei die Interpreten akzentuiert das Spannungsfeld zwischen den pulsierenden Rhythmen und expressiven Kantilenen meisterhaft umsetzten.

Der »kleine, unsichtbare Motor«, Merkmal und selbsternanntes Charakteristikum von Bacewiczs Naturell, kristallisierte klar und deutlich ihre kompositorische Schaffenskraft. Eine reichhaltige Gefühlspalette von romantischer Verträumtheit, sehnsuchtsvoller Suche, leidenschaftlicher Hingabe mit dramatischen Zwischenspielen ließ in der großartigen Interpretation doch eher an einen großen, sehr produktiven Motor denken.

Nach einer wohltuenden »Verdauungspause« war das höchst konzentrierte Auditorium für den Genuss einer weiteren kompositorischen Glanzleistung, dem Klavierquintett f-Moll op. 34 von Johannes Brahms, bereit: Ein Meilenstein in Brahms Kammermusikschaffen. Mit seiner meisterhaften Ausdifferenzierung der traditionellen Formen der absoluten Musik, mit höchst effektvollem Einsatz der Instrumente, setze der damals 31-jährige Brahms Maßstäbe für die nächste Komponistengeneration.

Das Stück war auch 153 Jahre nach seiner Erstaufführung, für die Zuhörer in Traunstein ein wahrer Leckerbissen. Dass der Sommer im musikalischen Sinn noch lange nicht zu Ende ist, spürte man am nicht enden wollenden, jubelnden Applaus. Kirsten Benekam