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Große Leidenschaft für die Passion in Erl

Eine große Stelle im Erler Passionsspiel ist das Abendmahl, optisch dargestellt mit zwei konzentrischen Ringen als Tisch. (Foto: Engelbert Kaiser)

Es ist überliefert, dass im Erler Ortsteil »Auf der Scheiben« im Jahre 1613 ein Osterspiel aufgeführt wurde. Die Gemeinde Erl reihte sich damit in die alpenländische Tradition ein, mit gelobten regelmäßigen Mysterienspielen Krankheiten, Pestilenz und Kriege abzuwehren oder zu beenden. Dieser Verpflichtung blieben die Erler treu trotz vieler Fährnisse und Verbote, wie 1933 dem verheerenden Brand des 1912 erbauten Passionsspielhauses und danach dem Diktat des in Österreich doch nur sieben Jahre dauernden »1000-jährigen Reiches«. Danach wuchs allerdings eine ganze Generation ohne Passion auf, bis 1959 der sensationelle Neubau des Passionsspielhauses des jungen Architekten Robert Schuller aus Innsbruck bespielbar war, ein Haus, das sich in seiner kühnen Form organisch in die Landschaft einfügt, das auch von Dirigenten wie Sergiu Celibidache und Gustav Kuhn wegen seiner Akustik hoch gelobt wurde und wird.


Zwölf Mal wurde seither dort Passion gespielt, 2008 wurde der seit 1985 bestehende Text durch einen neuen ersetzt. Und die Erler Spielgemeinde war mutig genug, für die Jubiläumspassion 2013 wieder einen neuen Autoren zu verpflichten, Felix Mitterer, den erfolgreichen Theater- und Drehbuchautor, geboren 1948 in Achenkirch/Tirol. »Verkaufte Heimat« und »Piefke-Saga« sind seine bekanntesten Fernsehfilme. Doch immer hat ihm das Volkstheater viel bedeutet.

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Er wusste: »Die Passion in Erl würde der Höhepunkt meiner Laufbahn als Volkstheaterautor sein. Mehr kann man nicht erreichen.« Seit 2010 setzte sich Mitterer mit den Passionsberichten der kanonisierten Evangelien auseinander, um seine persönliche Umgangsweise mit dem ehrwürdigen Text zu finden. Schließlich geht er ganz ungeniert mit Jesusworten aus dem Neuen Testament um, findet und ordnet sie neu in einem sinnvollen Verbund. Die Evangelisten taten ja nichts anderes. Allerdings gilt für Mitterer: »Johannes ein Schwafler, Matthäus und Markus wunderbar. Ganz karg und lakonisch.«

Es geht ihm also nicht um Theologie, sondern um die Worte des Menschen Jesus an die Menschen in seinem Umfeld, an die Frauen, an gesellschaftliche Gruppen, an Judas auch; er will »berühren, nicht erklären«, Emotion steht bei ihm vor der Ratio. Der Antisemitismus, der in früheren Textfassungen zumindest latent vorhanden war, ist einer objektiven Sichtweise gewichen.

Markus Plattner, geboren 1976 in Schwaz, der Regisseur der Jubiläumspassion, realisiert die Intentionen seines »langjährigen Freundes und Mentors Felix Mitterer« zusammen mit der Bühnenbildnerin Annelie Büchner und dem Lichtdesigner Ralf Wapler mutig und unkonventionell. Auf der leicht ansteigenden, 15 Meter breiten und 25 Meter tiefen Bühne mit Podest- und Stufenaufbau im Hintergrund entstehen so Szenenbilder, die erst durch die Spieler, die Personengruppen, die Lichtstimmungen und die Kostüme (Lenka Radecky) lebendig werden. Wolfram Wagner, geboren 1962 in Wien, hat die Dynamik des Textes und das dramaturgische Konzept schlüssig in seiner Musik eingefangen. Die musikalische Leitung von Chor und Orchester der Passionsspiele und dem Erler Kinderchor hat Bernhard Sieberer inne.

Am Morgen des Premierentages fand nach dem feierlichen Einzug der Passionsspielgemeinde und der Ehrengäste ein Eröffnungsgottesdienst und die Weihe der von der Ortsgemeinde gestifteten neuen Fahne durch Erzbischof Alois Kothgasser aus Salzburg statt, bevor Günther Platter, der Landeshauptmann von Tirol, die Jubiläumspassion offiziell eröffnete.

Zu Beginn des Spieles am frühen Nachmittag war es ganz still im Saal, und auf der abgedunkelten Bühne begannen Violine, Flöte und Klarinette eine fragend-suchende Melodie. Einzelne Personen traten aus dem Hintergrund, die Musik wurde lauter und bestimmter, Blechbläser kamen dazu, später auch das Schlagwerk. Im aufblendenden Scheinwerferlicht zeigten die Personen auf der Bühne Farbe, immer mehr wurden es; Kinder liefen herbei und bildeten, auf den Boden hingekauert, eine Gasse durch die Menge. Jesus ritt »auf dem Füllen einer Eselin« durch den Zuschauerraum, und als er die Bühne betrat, brandete Jubel auf: »Hosanna dem Sohne Davids!« – eine überschäumende, doch klar strukturierte Massenszene. Nach der Tempelreinigung (»Ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!«) reihten sich bewegende Einzelszenen aneinander, die Begegnung mit der Ehebrecherin (»Wer ohne Sünde ist...«), das Problem mit der Steuermünze, die Ausweitung des Liebesgebotes auch auf Fremde und Feinde. Bei der Salbung in Bethanien wird klar, dass Jesus auch von »den Zwölfen«, seinen Jüngern nicht immer verstanden wird. Konsequent entschließt sich Judas Iskariot zum letzten Mittel, zum Verrat Jesu an den Hohen Rat: »Ich werde dich zwingen!«

Zwei tief anrührende Szenen sind der Abschied Jesu von zwei Marias. Er will seine verängstigte Mutter trösten und braucht doch selber in seiner erschöpften Unsicherheit Trost von ihr. Ganz und gar nicht auf das Neue Testament bezogen ist Jesu Abschied von Maria Magdalena. Auch wenn beim Spiel einige Sätze aus Mitterers Originaltext fehlen, wird doch klar, was hier angedeutet ist – und das tut gut! Dass Jesus Magdalena zur »Apostelin der Apostel« erhebt, auch.

Die eine große Stelle im Spiel ist das Abendmahl, optisch dargestellt mit zwei konzentrischen Ringen als Tisch. Jesus steht in der Mitte des kleineren Ringes, um dessen Außenrand versammeln sich die Jünger; ein weiterer Ring senkt sich herab und schließt sie ein, an seinem Rand nehmen zögernd und unsicher Frauen Platz, ihnen voran Maria Magdalena. Wieder ist hier Jesus nicht der souveräne, allgütige Meister, doch er überwindet die Angst vor dem, was ihm bevorsteht, und spricht würdig das »Nehmet hin...«; der Chor wiederholt diese »Wandlungsworte« in melodischen Harmonien.

Beim »Prozess Jesu« stellt sich der Hohe Rat als Gruppe von abwägenden Politikern dar, denen es doch immer »um das Volk« geht; Pilatus gibt den spöttischen Skeptiker, bevor er dann doch den Richtstab bricht, und Herodes Antipas, von Spielleiter Erwin Thrainer facettenreich verkörpert, ist ein dekadenter »Viertelfürst« von Roms Gnaden, den die Hinrichtung von Johannes dem Täufer doch sehr belastet.

Nach der Geißelung und dem Kreuzweg Jesu, dessen »Stationen« in wirkungsvoller Beleuchtung als lebende Bilder hervorgehoben werden, ist die Kreuzigungsszene die andere große Stelle im Spiel. Erwin Kronthaler, durch das Los als Darsteller in der Premiere bestimmt, agiert ruhig und mit Güte (»Siehe, dein Sohn – siehe, deine Mutter«); dadurch wirkt sein Verzweiflungsausbruch »Mein Gott, warum?« umso erschütternder. Nach der Abnahme vom Kreuz bettet man den Leichnam Jesu auf den Schoß Mariens – ein Pendant zur Abschiedsszene.

Doch Jesu Körper wird in dieser »Pietà« zur leeren irdischen Hülle, denn der Auferstandene tritt hervor und gesellt sich zur versammelten Spielerschar, schreitet dann beim gemeinsamen »Großer Gott, wir loben dich« über die Bühnenrampe ins Volk und setzt sich unter die Besucher: »Siehe, ich bin bei euch alle Tage!« Und da spürt man, dass die Passionsspieler eine Gemeinschaft sind, die gemeinsam etwas schafft, was die Menschen mit nach Hause nehmen. Engelbert Kaiser