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Grotesk und auch ein wenig beängstigend

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Auf der Flucht und mit neuen Schandtaten im Visier (v.l.): Vater Ubu (Lorenz Brandner), Mutter Ubu (Lisa Mitterbauer), Cotice (Martin Klocke) und Bordure (Simon Bauer). Im Bärenkostüm (Leonie Reschreiter). (Fotos: Meister)
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Dumm und gierig geifert Vater Ubu (Lorenz Brandner) in die Zukunft, von Mutter Ubus (Lisa Mitterbauer) bösem Blick begleitet.

Berchtesgaden – Regisseur Martin Klocke hat für die Berchtesgadener Marktbühne mit großer Lust und spürbarem Engagement ein besonderes Stück ausgewählt. Sein »König Ubu« ist ein Urvieh der Machtgier, ein verfressenes Monster, das zur Geißel der Menschheit wird. Klocke hat sich für seine neue Inszenierung ein Darstellerquartett gesucht, das alles mitbringt, um einen surrealen und grotesken Theaterabend über die Bühne im Nebengebäude des Museums Schloss Adelsheim zu bringen. Zum Vergnügen des Publikums, wobei das Stück auch zum Nachdenken anregt.


Dummheit und Gier gehören vermutlich zu den Hauptgeißeln der Menschheit, verhindern nicht selten ein gutes Zusammenleben. Für die anderen. König Ubu besitzt diese herausragenden Eigenschaften und eine Menge von schönen Unterarten dazu. Er ist ein schreiendes, fressgieriges, feiges und hinterhältiges Monstrum, der, wenn sich die kleinste Gelegenheit dazu ergibt, nach Macht strebt und Gewalttätigkeit jeder Art nicht scheut, wenn er sich selbst in einer gewissen Sicherheit wähnen kann.

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König Ubu, oder, wie er im Stück von Alfred Jarry heißt, Vater Ubu, putscht sich mit List und Vertrauensbruch an die Macht, die ihn zum Haupt einer Schreckensherrschaft macht, in der die Habgier auch Mord und feisten Betrug nicht scheut. Er wird letztlich selbst zum Opfer, auf der Flucht, die fest sitzende Erbärmlichkeit und alle anderen charakterlich abstoßenden Werte mit sich tragend. Denn eine Schlacht zu verlieren, heißt ja noch nicht, einen Krieg als verloren anzuerkennen. Dummheit und Gier bleiben in seinem Besitz.

Stück galt 1896 als Skandal

Als Alfred Jarry das Stück 1896 auf die Bühne brachte, galt es natürlich als handfester Skandal. Dabei fehlten den Theaterfreunden seinerzeit ja logischerweise die Kenntnisse, die das heutige Publikum gut 120 Jahre später in naher und fernerer Politik hat. Vater Ubu ist ein hirnarmes, nach Macht gierendes Wesen, das sich in Fäkalsprache Gehör verschafft, wenn es sich selbst hinter schützenden Schilden wähnt. Dabei gab es damals noch gar nicht Twitter oder Ähnliches. Ubu mordet oder lässt morden und stiehlt oder lässt stehlen. Er hat relativ bescheidene Ziele: Er will sein Leben mit möglichst viel Leberwurst und Regenschutz verzieren. Dafür ist er bereit, alles zu tun, wie blöd auch immer dies beim Publikum auch ankommen mag.

Er hat in seinem Leben Personen zur Seite, die vielleicht ein paar Gramm mehr Hirn haben, aber ihm in ihrem Trachten durchaus ebenbürtig sind. Da ist zuerst die Mutter Ubu, die ihn zwar antreibt, aber eigentlich selbst gern Königin wäre. Dann der verbündete, aber äußerst wankelmütige Bordure, der insgeheim seiner Thronfolgerrolle verbunden ist und dem egal scheint, auf welcher Seite er seinen Zielen nahekommt. Und als Bühnenfeind den gestürzten und dann zum Gegenangriff blasenden Wenzeslas.

Martin Klocke selbst begnügt sich mit der Rolle des Cotice, einem ergebenen Diener, der endlich den Braten riecht und sich aus dem Staub macht. Klocke hat, nicht nur als Lakai an der Geldkassette des bösen Ubu, viel zu tragen mit der Inszenierung, die ihm hervorragend glückte. Es kann keinesfalls einfach sein, das Spiel eines gefährlichen Idiotenhaufens so zu bündeln, dass sich am Ende Bestürzung und Vergnügen im Publikum gleichermaßen breit machen können. Klocke schafft es vorzüglich. Genau wie Lorenz Brandner, als überlaut schreiender Vater Ubu mit erstaunlich beängstigender Mimik, der in dümmlicher Vermessenheit sein Volk richtet und dann gleich wieder in erbärmlicher Feigheit wimmert. Eine großartige Leistung jedenfalls, wie auch die von Lisa Mitterbauer als Mutter Ubu, der letztlich die eigene Verwerflichkeit näher ist, als der vermessen dröhnende Gatte. Sie ist leiser als dieser, aber vielleicht sogar ein wenig gefährlicher, weil sie denken kann. Lisa Mitterbauer zeigt dies in köstlicher Weise, auch wenn ihre Rolle nicht unbedingt eine lustige ist.

Geniestreich von Martin Klocke

Bleibt Wenzeslas als wohl nur scheinbar gemäßigterer, gestürzter Herrscher, der nach einem Comeback strebt und nach Rache. Nur, weil er bessere Umgangsformen hat, als sein Widersacher, muss er nicht zwangsläufig ein besserer Charakter sein. Es scheint ein kleiner Geniestreich von Martin Klocke zu sein, diesen Part weiblich zu besetzen. Leonie Reschreiter ist glaubhaft der in arroganter Ettikette und mit kalter Kalkulation nach Macht strebende Wenzeslas. Und letztlich Simon Bauer, der als Bordure Spießgeselle Ubus ist, dann »konterrevolutionär«, immer auf der Suche nach dem richtigen Hinterrad. Auch Bauers darstellerische Leistung trägt zu einem runden Theaterabend bei, der in beklemmender Fröhlichkeit endet.

Erwähnenswert ist, weil ein runder Theaterabend viele Mitwirkende nötig hat, auch Museumschefin Friedl Reinbold, die den entsprechenden Rahmen zur Verfügung stellte. Auch Florian Scherer, der für die Lichttechnik verantwortlich ist, sowie Simon Bauer, der in einer Doppelrolle für Licht und Ton sorgte. Hermann Krüttner schließlich assistierte Martin Klocke als Co-Regisseur.

»König Ubu« von Alfred Jarry hat am heutigen Freitagabend um 19.30 Uhr im Schloss Adelsheim Premiere. Weitere Vorstellungen sind am 6., 7., 12., 14. sowie am 26. und 28. April. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Dieter Meister