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«Neo-Noir»

«Gutland»: Dorf-Drama mit surrealistischem Ende

Ein Spielcasino-Räuber taucht in einem Dorf unter und wird Teil der abgeschlossenen Gemeinschaft. Das Spielfilmdebüt von Govinda Van Maele ist vielschichtig und verlangt den Zuschauern einiges ab.

"Gutland"
Jens (Frederick Lau) ist in dem Dorf ein Neuankömmling. Wegen des sozialen Drucks muss er irgendwann seine Identität aufgeben. Foto: -/déjà vu Film Foto: dpa

Berlin (dpa) - Im Dorf gibt es Kühe, Dirndl und Blasmusik - das trifft zumindest auf den luxemburgischen Schauplatz von «Gutland» zu, dem Spielfilmdebüt von Filmemacher Govinda Van Maele (34).

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Doch in den Güllegruben und Maisfeldern des Ortes verbirgt sich ein finsteres Geheimnis - in das ein flüchtiger Spielcasino-Räuber hineingesogen wird.

Frederick Lau («Victoria») spielt dabei wunderbar stirnrunzelnd den Neuankömmling in der abgeschotteten Dorfwelt. Vicky Krieps («Der seidene Faden») gibt eindrucksvoll das frohsinnige Mädel vom Land. Was als Drama beginnt, entwickelt sich zu einem Thriller, der ins Fantastische und Surrealistische abgleitet. Van Maele, der auch Drehbuchautor ist, spricht auch von «Neo-Noir», meint im dpa-Interview allerdings: «Genre sind mir eher egal. Ich bin beim Schreiben einfach der Geschichte gefolgt.»

Auch beim Blickwinkel bietet der packende und zugleich verstörende Film diverse Möglichkeiten. Zum einen geht es um einen Fremden, der wegen des sozialen Drucks der Dorfbewohner irgendwann seine Identität aufgibt, um sich nahtlos in die Gesellschaft einzufügen. Wer will, sieht andererseits eine Beziehungsebene, in der die Frau den neuen Mann in die Rolle des Ex-Mannes drängt. Gleichzeitig ist der Film in seiner Überzeichnung des Dorfalltags - von Kneipen-Skat bis zu Hirschgeweih und Blumentapete - eine gelungene Karikatur des Lebens in der Provinz.

Die Eröffnungssequenz ist eine der langen Landschaftseinstellungen des Films, welche die Heimat von Regisseur Van Maele in kühler Schönheit zeigen. Mal sind es prall reife Ähren, dann langsam trocknende Maisfelder und zugeschneite Wiesen. Die ruhigen Kulturlandschaften sind stets menschenleer - abgesehen von der ersten Szene, in welcher der Protagonist Jens auf das Dorf zuläuft, das er nicht mehr wird verlassen können.

Eigentlich will dieser Deutsche nach einem Überfall auf ein Spielcasino in der Nähe von Köln im Nachbarland nur für eine Weile untertauchen. Den zunächst grummeligen Bauern im Dorf gibt er sich als Erntehelfer aus. Er darf bleiben - aber nur, wenn er die Trompete in der Musikgruppe spielt, keine verheirateten Frauen verführt und sein Wohnwagen-Klo selbst leert. 

Dabei nutzt Van Maele auch Unerklärliches und Fantastisches: So entkommt Jens in einer Furcht einflößenden Szene in einem Maisfeld nur um Haaresbreite einem Mähdrescher, der ihn zu zerhäckseln droht. In seinem Wohnwagen findet er seltsame Nacktfotos. Und im Wald ist verstörendes Knacken zu hören. In einem rasanten Finale werden dann ein paar der herumschwirrenden Zweideutigkeiten und Filmstränge zusammengeführt. Aber mit anderen Andeutungen und offenen Fragen lässt Van Maele die Zuschauer allein. 

- Gutland, Luxemburg/Belgien/Deutschland 2017, 107 Min., FSK o.A., von Govinda van Maele, mit Frederick Lau, Vicky Krieps

Gutland