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Hans Sachs in Liliput

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Schusterwerkstatt, Komponierstube und Esszimmer von Hans Sachs ziehen sich quer über die ganze Bühne. Die Muse hat dem Komponisten einen Keulenschlag verpasst. Wie wild füllt er – in Nachthemd und Zipfelhaube – Notenblatt um Notenblatt. Endlich: Erleichterung, Erschöpfung, Vorhang.


Auf diesen Vorhang wird nun das gesamte Bühnenbild projiziert. Der Komponier-Schreibtisch wird herangezoomt, wird größer und größer. Der Vorhang öffnet sich: Der schnörkelige Schreibtisch-Aufsatz ist zur Orgel-Empore der Katharinenkirche zu Nürnberg geworden. Die Bücher, die in der Fensternische neben dem Schreibtisch standen, werden nun als Treppen verwendet, das spitzbogige Fenster wurde zur Kirchenfassade.

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Die Bürger von Nürnberg, winzigklein gedacht müssen sie also werden, packen gerade ihre Gesangsbücher ein. Schwatzen noch ein wenig auf den Stufen, freuen sich in Anwesenheit ihrer Meistersinger auf das Johannisfest – und erleben den ersten öffentlichen Auftritt des strahlenden Fremden, der in privaten Nürnberger Kreisen bereits erste gesellschaftliche Erfolge zu verbuchen hat.

Dieses Zoomen – das ist mehr als nur ein raffinierter Regieeinfall Stefan Herheims und mehr als nur ein hinreißendes Bühnenbild von Heike Scheele: Die raffiniert imaginierte Verkleinerung des Nürnberger Großbürgertums auf Spielfiguren-Maß setzt die scheinbar so betuliche altväterisch-biedermeierliche Inszenierung gleich einmal unter das Generalvorzeichen der Ironie: Sofort fallen einem Jonathan Swift, der englische Satiriker, und sein Romanheld Gulliver ein.

Dieses Werk kennt man hierzulande eher in der zweiteiligen Kinderfassung mit Gullivers Reisen zu den Zwergen und zu den Riesen. Das englische Original aus 1726 ist freilich eine Gesellschaftskritik, die an Schärfe und Bosheit bis heute kaum zu überbieten ist. Wenn die Nürnberger Meister dem dahergelaufenen Ritter und Sänger Walter von Stolzing ihre Regeln zur Dichtung und Komposition vorleiern, erinnert das haarscharf an die absurden Gesetze im Kaiserreich Liliput.

Aber wie gesagt: Bei diesen Meistersingern muss der Zuschauer allfällige ironischen oder gar kritischen Gedanken schon selber mitbringen ins Große Festspielhaus. Stefan Herheim und sein Ausstattungsteam zeigen an der Oberfläche eine heile Welt, in der höchstens ein wenig Eifersucht und Neid – aber auch nicht mehr als sonstwo – die reine Vorfreude auf das große Fest trüben. Die Puppenstuben-Imagination gibt dem Ganzen zusätzliche Niedlichkeit.

Wir erinnern uns: Ansteht in Richard Wagers »Die Meistersinger von Nürnberg« das große Johannisfest mit Gesangswettbewerb, dessen Sieger des Meistersingers Veit Pogners Tochter Eva erringen soll – vorbehaltlich ihrer Zustimmung. Ein Meistersinger freilich muss es sein. Der alte Beckmesser will sich bewerben. Der junge und edle Junker Walter von Stolzing hat bei Eva die besseren Karten, muss aber in nur einer Nacht die starren Regeln der Meisterdichtung lernen. Hans Sachs ist der große Vermittler und ein würdiger Vertreter des gesunden Menschenverstandes.

Wie der alte Sachs das nächtliche Ständchen des Sixtus Beckmesser für Eva durch Schläge mit seinem Schusterhammer stört, ist hinreißend komisch, ohne je die Grenze zum Klamauk zu überschreiten. Die Prügelei, die aus der nächtlichen Lärmbelästigung erwächst, artet zu einer recht herzigen Orgie von Schneewittchen, Froschkönig und Co. aus, die aus dem herumstehenden Grimm'schen Märchenbuch herauskommen. So hat fast jedes Versatzstück mit diesem Changieren zwischen Realität und Imagination zu tun. Im ersten Bild war es das Buch »Des Knaben Wunderhorn«, dessen Deckel ein Tor zum Reich der Phantasie aufstießen.

Viel zum Schauen also im Großen Festspielhaus, viel zu Dechiffrieren. In der Mitte des Bühnenbildes stehen Büsten großer Deutscher Meister. Gegen Schluss krönt Hans Sachs die Büste Wagners, nachdem er den Kranz zunächst beinahe wie unter Zwang sich selbst aufgesetzt hätte. Im Schlussakkord rammt er sich den Dichterlorbeer in Diktatorenmanier dann doch noch selber aufs Haupt: Da kann man dann – man ist ja darauf konditioniert, in solchen Bahnen zu denken – herauslesen, dass Herheim an einen anderen deutschen Diktator gedacht hat, der auch die »Deutschen Meister« sehr geschätzt hat. Kann man, muss man aber nicht. Man darf sich genauso gut am bunten Biedermeierfest erfreuen.

Daniele Gatti leitete die Wiener Philharmoniker. Auf meinem Platz – Loge vorne – hörte man gut fünf Stunden lang einheitlich kräftigen, übersichtlich geordneten Wagner, ohne rechte Differenzierungen. Den Sängerinnen und Sängern wurde immer Luft und Raum gegeben.

Michael Volle ist der sängerisch und darstellerisch überwältigende Hans Sachs, Spielleiter und Menschenführer mit – möglicherweise gefährlich starkem – Charisma. Roberto Saccà als Walter von Stolzing ist der strahlende Held dieser Produktion. Er gebietet über eine reich timbrierte Tenorstimme mit sicherer Höhe und überzeugend textdeutlicher Deklamation. Georg Zeppenfeld ist ein würdevoller – stimmlich ebenfalls souveräner – Veit Pogner. Markus Werba als Sixtus Beckmesser ist eine Klasse für sich, ein eitler, eifersüchtiger Intrigant, ein tragischer Antiheld, der seine sängerischen »Querstände« mit Stolz zu zelebrieren, Peter Sonn ein charmanter David, der die Meisterregeln mit warmer Stimme herzubeten weiß.

Die wenigen Damen – Anna Gabler und Monika Bohinec als strahlender Unschuldsengel Eva und kernige Magdalene – sind ebenso überzeugend wie die Riege der Meistersänger. Eine Aufführung, die man sofort noch einmal sehen möchte, um weitere Details zu entdecken. Heidemarie Klabacher