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»Har Har Mahadev« oder »Reiß di z'samm« am Cerro Kishtwar

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Diese Wand aus Granit und Eis durchstiegen Thomas Huber, Stephan Siegrist und Julian Zanker. (Fotos: Huber)
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Gipfelerfolg (von links): Stephan Siegrist, Julian Zanker und Thomas Huber.
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Extreme Kletterei in Fels und Eis war in der Nordwestwand des Cerro Kishtwar gefragt.

Der Name der Route spricht Bände: »Har Har Mahadev« tauften Thomas Huber aus Berchtesgaden sowie die Schweizer Stephan Siegrist und Julian Zanker ihre neue Linie durch die eisige Nordwestwand des 6 155 Meter hohen Cerro Kishtwar im indischen Kaschmir. Huber übersetzt den Spruch aus der hinduistischen Mythologie mit den bayerischen Worten »Reiß di z'samm«. Das tat das Trio auch, ansonsten wäre den Bergfexen die zehn Klettertage dauernde Erstdurchsteigung im Zentralteil dieser gewaltigen Granitwand nicht gelungen.


Eigentlich wollte Thomas Huber heuer ein weiteres Mal zum Latok I fahren, in dessen Nordwand er bereits zweimal gescheitert war. Fast schien es für den Berchtesgadener aber eine Erlösung zu sein, als ihn sein Schweizer Kletterspezl Stephan Siegrist fragte, ob er Lust auf eine Erstbegehung am Cerro Kishtwar habe. »Am Latok vielleicht noch einmal scheitern zu müssen, das wäre für mein Selbstbewusstsein als Bergsteiger nicht besonders aufbauend«, erklärt Huber seine Entscheidung zugunsten des Cerro Kishtwar und macht gleichzeitig klar, dass er damit den Latok nicht abgeschrieben habe.

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Dass das Kletterprojekt in der nordindischen Provinz Kaschmir nicht weniger herausfordernd sein würde, war Huber spätestens klar, als er vom Basislager in 4000 Metern Höhe erstmals in diese 1000 Meter hohe, aus Fels und Eis bestehende Granitwand blickte. Dort waren vor 25 Jahren die Engländer Andy Perkins und Brendan Murphy nach 17-tägigem Kampf rund 100 Meter unter dem Gipfel wegen Erschöpfung gescheitert. Zweimal ist der Berg seitdem auf anderen Routen bestiegen worden, einmal war Stephan Siegrist selbst dabei. Damals, im Jahr 2011, hatte Siegrist die direkte Linie durch den zentralen Wandteil entdeckt. Seitdem ist sie ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Bestes Wetter gönnte dem Trio nach ihrer Ankunft am Berg keine Pause und man konnte bereits am 18. September das vorgeschobene Basislager auf 5050 Metern Höhe einrichten. Nach mehreren Materialtransporten und Vorbereitungen stieg das Team am 1. Oktober in die Wand ein. Von Anfang an war das ganze Know-how des technischen Kletterns gefragt, zahlreiche Spezialhaken kamen zum Einsatz. Besonders wertvoll für die Fortbewegung in der Senkrechten waren die sogenannten Birdbeaks. Mit diesen Hybridhaken, einer Mischung aus Cliffhanger und Messerhaken, lassen sich fast kompakte Passagen technisch bewältigen, ohne ein Loch in den Fels bohren zu müssen.

Doch die extreme Kälte, der kompakte Fels und die Steilheit des Geländes wirbelten den Plan, die Wand in nur fünf Tagen zu durchsteigen, durcheinander. Es ging langsamer als erwartet, zudem hatte Stephan Siegrist mit einer geschwollenen Hand wegen einer Sehnenscheidenentzündung zu kämpfen, Julian Zanker spürte wegen der tiefen Temperaturen seine Zehen nicht mehr. Bei Thomas Huber machte sich die Angst vor einem erneuten Scheitern breit.

Es gab nur eine Möglichkeit: den vorübergehenden Rückzug und einen erneuten Angriff nach einigen Erholungstagen im Basislager. So kam es dann auch. Doch schon am 8. Oktober waren die drei wieder zurück in der Wand, mitten im Abenteuer. Das Wetter war durchwachsen, aber wenigstens stabil: morgens wolkenlos, mittags aufziehende Bewölkung, nachmittags Schneefall. Man hatte mit vereisten Rissen, Spindrift und extremer Kälte bis zu minus 20 Grad zu kämpfen. Dazu wurde harte Technokletterei mit Schwierigkeiten bis zu A3+ gefordert. »Trotzdem dachte keiner an einen erneuten Rückzug. Wir akzeptierten alles, was die Wand uns bot, waren bereit, an unsere Grenzen zu gehen. Wir lebten, um zu überleben«, erinnert sich Thomas Huber. Man kletterte und lebte unter widrigsten Bedingungen, aß mit demselben Löffel und trank Suppe aus der Kaffeetasse.

Doch nach fünf Tagen erreichten Thomas Huber, Stephan Siegfrist und Julian Zanker auf etwa 6100 Metern ein kleines Felsband. Über ihnen legte sich die Wand zurück und die Kletterer ahnten das Ende ihres Abenteuers. Frühmorgens am 14. Oktober stiegen die drei vom letzten Lager über die fixierten Kletterseile auf zum Umkehrpunkt des Vortags. »Die letzten 100 Meter Richtung Gipfel wurden ein Geschenk«, erinnert sich Thomas Huber.

Leichte, kombinierte Kletterei brachte das Trio in eine Scharte und von hier waren es nur noch ein paar Meter zum Gipfel, auf dem sie wenige Minuten später standen. Huber: »Wir wussten alle, dass wir es nur schaffen konnten, weil wir uns als mutige Gemeinschaft gefühlt haben.« Ulli Kastner