»Hast du Töne«

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Elke Burkert vor ihrem Orchester in der Festhalle Hohenaschau. (Foto: Kaiser)

Die Benefizkonzerte der Collegia-Musica-Chiemgau unter ihrer Leiterin Elke Burkert sind in der Region inzwischen zu einer beachteten und geachteten Einrichtung geworden. Die Mitglieder dieses Ensembles widmen sich ausgefallenen, aus dem Mainstream der Aufführungspraxis »herausgefallenen« Komponisten der Musikgeschichte, sie wollen mit ihren Konzerten Institutionen oder Organisationen fördern, die der Hilfe wert sind.


Das Konzert im diesjährigen Herbst galt den Kindern im Behandlungszentrum Aschau – leider blieben in der Festhalle Hohenaschau Plätze unbesetzt. Die Collegia Musica in ihrer inzwischen auf 72 Mitglieder angewachsenen Besetzung widmete ihr Konzert, das Horant H. Hohlfeld charmant und informativ moderierte, unter dem Motto »Hast Du Töne« unbekannten Werken der Romantik. Es begann mit Richard Wagners (1813 bis 1883) »Kaisermarsch« (1870/71) B-Dur mit der Bezeichnung »Allegro maestoso«. Wagner spekulierte damit auf eine saftige Gage, aber auch (vielleicht vor allem) auf Kontakte zum Berliner Hof. Die Collegia brachte dieses Opus mit verführerischem Prunk klar und unmissverständlich an die Ohren des Publikums, eine schüchterne Choralmelodie mit eingeschlossen. Es hat zu diesem Kaisermarsch auch einen Text gegeben (den hat Elke Burkert dem Publikum erspart), den Wagner als Deutsche Nationalhymne für geeignet hielt. Das doch magere Marschthema und eine schmelzende Adagio-Stelle mit sattem Streicher- und betörendem Holzbläserklang machten jedenfalls Appetit auf den weiteren Konzertverlauf.

Anzeige

Die aus Nussdorf stammende Harfenistin Barbara Pöschl-Edrich, die nach 14 Jahren erfolgreichen Wirkens in den USA wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist, bescherte den Zuhörern mit dem Harfenkonzert e-Moll op. 182 von Carl Reinecke (1824 bis 1910), bis heute einem Standardstück bei Wettbewerben, reinen Hörgenuss. Der schwermütigen Einleitung des 1. Satzes setzte die Harfe Lichter auf und verlieh dem »Allegro moderato« klare Poesie bis zur tiefsinnigen Kadenz. Mit einer ruhigen, von der Harfe umspielten Waldhornmelodie begann das »Adagio«; con sordino setzten die Streicher ein und lieferten eine ruhige Basis zu den meditativen Harfenklängen. Behände und fingerfertig kam das genüsslich ausmusizierte »Scherzo-Finale«.

Nicolai Rimski-Korsakow (1844 bis 1883) stellte seiner Oper »Die Zarenbraut« eine Ouvertüre voran, die überschwänglich alles anklingen ließ, was sich in solch einer romantischen Oper tut. Das Orchester zeigte sich auch hier in allen Registern bestens eingestimmt und aufgelegt, hatte ein waches Gespür für die Intentionen der Dirigentin und den Orchesterklang.

Nach der Pause lag auf den Pulten ein Werk der erst in unserer Epoche wiederentdeckten Komponistin Emilie Mayer (1812 bis 1883), die mit allen Vorurteilen belastet war, denen eine Komponistin in der damaligen Zeit ausgesetzt war. Eine gewisse Anerkennung konnte sie dennoch erringen; doch erst seit kurzem gibt es in ihrer Geburtsstadt Stettin ein Festival, das sich ausschließlich der Wiederaufführung ihrer Werke widmet. Die dramatische Tonart f-Moll ließ im 1. Satz ihrer Sinfonie Nr. 5 in kompositorischer Eleganz tiefe musikalische Romantik aufklingen.

Europäische Erstaufführung

Das zweite Solokonzert bestritt Christian Felix Benning (geboren 1995 in München), der bereits im Alter von 13 Jahren als Jungstudent für Schlagzeug und Percussion an der Musikhochschule in München immatrikuliert war. Seit 2014 bis zu dessen Tod im Juli 2016 wurde er von Prof. Dr. Peter Sadlo unterrichtet. Benning glänzte in der Solopartie im Konzert für Marimba und Orchester (2008) von Satoshi Yagisawa (geboren 1975). Die ursprüngliche Fassung für Blasorchester hatte Elke Burkert für sinfonisches Orchester zu einer europäischen Erstaufführung umgearbeitet. Man hörte keine genuin japanische Musik, sondern ein von der europäischen Tradition und ihrem Formgefühl befruchtetes Werk. In »Serioso« überwogen barocke und klassische Elemente, das »Adagio« klang anmutig im charakteristischen Choralstil des Komponisten, schnell und spannend kam das »Presto«, das auch die Rhythmik und Melodik der Moderne anklingen ließ und in eine fulminante Kadenz mündete. Als Zugabe widmete Christian F. Benning seinem Lehrer Peter Sadlo ein Stück auf dem Vibraphon, intensiv und ausdrucksvoll flankiert von einem weiteren Vibraphon, einem E-Bass und einem dezenten Schlagzeug – so können nur Musiker ihren Meister ehren!

Der mexikanische Komponist Arturo Marquez (geboren 1950) erzielte mit einer Reihe von »Danzones« den musikalischen Durchbruch, besonders mit dem Danzon No. 2, den Gustavo Dudamel mit seinem Jugendorchester auf seinen Tourneen immer wieder spielte und so bekannt machte. Das reizvolle Changieren zwischen sehnsüchtigem Schmachten und reißerischem Machotum, mal melodisch, mal aggressiv dirigierte Elke Burkert wie eine kleine Teufelin.

»Einen glücklichen Heimweg« wünschten Dirigentin und Orchester den begeisterten Zuhörern noch mit dem »Abendsegen« aus der Oper »Hänsel und Gretel« von Engelbert Humperdinck. Engelbert Kaiser

- Anzeige -