Bildtext einblenden
Auch um seine eigenen Schafe am Faselsberg in Schönau am Königssee macht sich Hans Wein, 1. Vorstand der Schafhaltervereinigung Berchtesgadener Land, derzeit große Sorgen. (Fotos: privat)
Bildtext einblenden
Schlimme Bilder zeugen von den Schafsrissen durch Wölfe in der Gemeinde Bergen.

Hat Weidehaltung noch Zukunft?

Berchtesgadener Land – Die Schafhalter im Berchtesgadener Land sind sauer. Beim Thema Wolf fühlen sie sich von Politik, Behörden und Verbänden im Stich gelassen. Nach den Schafsrissen der letzten Wochen in den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein sehen sie für die Weidehaltung im kommenden Sommer schwarz. »Wir Landwirte können unsere Tiere auf den Weiden nicht sicher vor dem Wolf schützen. Die vom Bayerischen Landesamt für Umwelt geförderten Schutzmaßnahmen sind nicht zielführend und nicht ausreichend«, kritisiert Hans Wein, Schafhalter am Faselsberg in Schönau am Königssee und seit drei Jahren 1. Vorstand der Schafhaltervereinigung Berchtesgadener Land.


Hans Wein ist leidenschaftlicher Schafhalter. Viel Zeit investiert er in die Pflege seiner aktuell rund 70 Tiere. Derzeit versorgt er sie im heimischen Stall beim Laxerlehen, das auf knapp 800 Metern Höhe am Faselsberg liegt. Doch bereits in wenigen Monaten, wenn die Natur wieder erwacht und das Gras wächst, wird er sie wieder auf die verschiedenen Weiden am Faselsberg verteilen. Bei dem Gedanken ist ihm heuer allerdings gar nicht wohl. Nach den Schafsrissen der letzten Wochen, den DNA-Analysen und weiteren Beobachtungen geht Wein davon aus, dass es in der Gegend bereits ein ganzes Rudel Wölfe gibt. Die Sorge um seine Schafe lässt den Landwirt deshalb aktuell nicht gut schlafen.

Gefährdung bedrohter Schafsrassen

»Es gibt zwar eine Entschädigung für gerissene Tiere, aber wir sehen nicht ein, dass wir von diesem Geld unsere Tiere ersetzen und so den Speisevorrat für den Wolf sichern sollen«, sagt Wein und erklärt weiter: »Es werden im Berchtesgadener Land überwiegend bedrohte Rassen gezüchtet, unter anderen das weiße Bergschaf, das braune Bergschaf, das gescheckte Bergschaf und das Brillenschaf. Wenn hier der Wolf weiteres Unheil anrichtet, stirbt eine Vielzahl von bedrohten Rassen aus. Denn auch mit den Ausgleichszahlungen kann man verloren gegangene Genetik nicht wieder ersetzen.«

Seine Sorgen teilt Hans Wein mit 278 Schafhaltern im gesamten Landkreis Berchtesgadener Land, die ihre insgesamt rund 4600 Schafe durch die aktuelle Wolfspolitik gefährdet sehen. Sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass es aktuell keine Obergrenzen für den Wolf gibt und eine Entnahme des geschützten Tieres aktuell kaum möglich ist. »Es gibt zwar eine hundertprozentige Förderung von Zäunen und Herdenschutzhunden. Doch man muss wissen, dass erst gefördert wird, wenn der Wolf schon gerissen hat«, erläutert Hans Wein. Tatsächlich gibt es Förderungen nur für Betriebe in Gemeinden, die im Umkreis von zehn Kilometern um Schafsrisse liegen. So ist nicht einmal der gesamte Landkreis Berchtesgadener Land in die Förderkulisse aufgenommen, Schönau am Königssee und Ramsau gehören beispielsweise nicht dazu. Der Schafsriss in Marktschellenberg war zu weit entfernt. »Was passiert mit den Weidetieren, die nicht im Umkreis liegen? Hier müssen die Landwirte selbst die Herdenschutzmaßnahmen finanzieren«, kritisiert Hans Wein.

»Einen wolfssicheren Zaun gibt es nur im Tierpark«

Der Vorstand der Schafhalter im Landkreis weiß auch, dass der Wolf in anderen Bundesländern, in denen es ebenfalls diese Schutzmaßnahmen gibt, die Zäune entweder übersprungen oder sich unten durchgegraben hat. »Einen wolfssicheren Zaun gibt es nur im Tierpark«, sagt Wein. Er hat seine Schafe wie viele andere Landwirte auf mehrere Herden verteilt. »In dieser klein strukturierten Landwirtschaft ist der Einsatz von Herdenschutzhunden nicht möglich«, erklärt er und geht ins Detail: »Wenn zum Beispiel ein Schäfer seine 30 Tiere auf vier Herden verteilt hat, dann würde er acht Herdenschutzhunde benötigen. Bei Preisen von über 2 000 Euro wäre eine kostspielige Förderung notwendig.« Dazu kämen Zäune, Stromkästen und anderes. »Und was geschieht mit den Hunden über den Winter? Wer bezahlt Tierarztkosten, Nahrung usw. für die Hunde?«, fragt Wein und kennt bereits die Antwort: »Das alles muss der Tierhalter bezahlen.«

Ohnehin hält Wein in der dicht besiedelten Gegend des Berchtesgadener Landes den Einsatz von Herdenschutzhunden für eine nicht umsetzbare Lösung. Denn die Siedlungsnähe vieler Weiden könnte ein Problem werden, wenn Hunde bei jeder vermeintlichen Gefahr für die Schafe bellen – auch nachts.

Laut offizieller Statistik gibt es in Deutschland derzeit 157 Wolfsrudel, 27 Paare und 19 Einzeltiere. Dass sie unter Schutz gestellt sind und damit einen Sonderstatus in der Gesellschaft genießen, kann Hans Wein nicht verstehen. »Immerhin haben diese Tiere schon einen immensen Schaden angerichtet.« Leidtragende seien vor allem die Landwirte, die ihre Betriebe zum großen Teil im Nebenerwerb führten. Auf sie komme nun ein erheblicher Mehraufwand zu – »und das alles für ein Tier, das so vielen Nutztieren großes Leid zufügt, keine natürlichen Feinde hat, sich unbegrenzt weiter vermehrt und tötet«. Die Gesellschaft müsse sich entscheiden, fordert Hans Wein: »Wollen wir Weidehaltung und Tierwohl oder Stallhaltung und den Wolf?«

Die wolfsfreundliche Politik könnte sich auch auf das Leben aller Wildtiere auswirken. Denn wenn die Landwirte ihrer von der Politik gestellten Aufgabe nachkommen, würden laut Hans Wein Felder und Grundstücke künftig so eingezäunt, dass kein Wildwechsel mehr stattfinden kann. Das betreffe auch Kleintiere wie Hasen und Frösche, die »durch den Elektrozaun gegrillt werden«. Hans Wein fragt: »Will man den Wildtieren und der Natur das alles antun?« Nicht zuletzt sieht der Königsseer eine Beeinträchtigung von Tourismus und Freizeitsport, wenn Wanderwege wegen der zusätzlichen Zäune nicht mehr so einfach zu begehen seien.

Ganzjährige Stallhaltung keine Option

»Eine ganzjährige Stallhaltung ist für viele Bauern jedenfalls keine Option«, sagt Hans Wein. Die Schafhalter forderten daher die Aufnahme des Wolfes in das Jagdgesetz und die Löschung des Sonderstatus für den Wolf. »Sonst sind in ein paar Jahren alle bewirtschafteten Flächen, die nicht maschinell bearbeitet werden können, Jungwald«, prognostiziert Wein und stellt die provokante Frage in den Raum: »Muss erst ein Mensch angegriffen werden, dass sich hier was ändert und die Gesellschaft und die Politik aufwachen?«

Ulli Kastner