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Haydn-Messe mit gewaltigen Dimensionen

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Die Stiftsmusik St. Peter zog unter Leitung von Armin Kircher in Bann. Bezaubert war das Publikum besonders von der jungen Sopranistin Simone Vierlinger (rechts). (Foto: Mergenthal)

Die Stimmgewalt der lediglich 25 Sänger, das bewegte Spiel des Orchesters und die Prachtentfaltung der Musik von Joseph Hadyn und Wolfgang Amadeus Mozart fügten sich ideal in den weiten, in üppigem Salzburger Barock ausgestatteten Kirchenraum der Pfarrkirche St. Martin in Waging am See: Wieder einmal war die Stiftsmusik St. Peter aus Salzburg im Rahmen des »Musiksommers zwischen Inn und Salzach« in der früher zu Salzburg gehörigen Kirche zu Gast.


Im Zentrum der von Stiftskapellmeister Armin Kircher geleiteten Aufführung stand die »Nelsonmesse« aus dem Jahr 1798, ein Spätwerk von Haydn mit gewaltigen Dimensionen. Haydn schrieb die Messe zwischen seinen weltbekannten Oratorien »Die Schöpfung« und »Die Jahreszeiten«. Der ursprüngliche Name lautet »Missa in angustiis«, »Messe in Bedrängnis«. Ob der alternde Haydn damit eine innere Bedrängnis zum Ausdruck bringt oder musikalisch auf die äußerlich instabile Zeit der napoleonischen Kriege antwortet, bleibt offen. Die Messe soll zu Ehren des britischen Admirals Nelson aufgeführt worden sein, der nach seinem Sieg über die französische Flotte bei Abukir vor Alexandria Haydns Auftraggeber Fürst Esterházy einen Besuch abstattete. Auf alle Fälle ist die Messe durch große Spannungen gekennzeichnet: Sie schwankt zwischen der Demonstration von Pomp und Glorie mit Trompetenfanfaren und Pauken und düsteren Passagen.

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Im kraftvollen Kyrie zogen die von Kircher zupackend und schwungvoll dirigierten Sänger und Musiker sofort in Bann und Sopranistin Simone Vierlinger mit ihrer samtenen, bis in extreme Höhen glockenreinen Stimme bestach mit einem überquellenden Solo. Beim Gloria beeindruckten die energischen, explosiven Choreinsätze. Magdalena Rüker eröffnete mit ihrem satten, warmen Alt mit einem gefühlvoll gesungenen Dank in »Gratias agimus« den Reichen der glanzvollen Solistenpartien. Die ganze Schwere des Opfers, das der Gottessohn auf sich nahm, kulminierte im sonoren »Qui tollit« von Bassist Johannes Gruber. Lyrische Akzente setzte Tenor Gerhard Erlebach dazu. Magisch wirkte die von einer Oboe unterlegte Bitte um Erbarmen »Miserere nobis«.

Wie eine Engelerscheinung wirkte Vierlinger in ihrer Belcanto-Arie im »Incarnatus est« im Gloria, das als eines der schönsten langsamen Sätze gilt, die Haydn je schrieb. Die Barocktrompeten-Fanfaren aus dem Kyrie leiteten hin zu einem ausdrucksstarken Solistenquartett über das Kreuzesleiden. Kircher arbeitete mit starken Kontrasten: Verlangsamte er das Tempo hier extrem, so wie wenn die Zeit stehen bleiben würde, so zog er es beim »Et resurrexit« und der überströmenden Schlusspassage wieder stark an. Mit strahlenden, nie gepresst wirkenden Sopranen voller Leichtigkeit, Volumen im Alt und Bass und glanzvollen Tenören zeichnete sich der Chor in jeder Stimmgruppe durch absolute Souveränität, Präsenz und exzellente Intonation aus.

Der sehr gedehnte Anfang des Sanctus erinnerte an das Chaos zu Beginn der Schöpfung. Die zarte, flehende A-capella-Stelle des Chors im »Dona nobis pacem« hätte vielleicht auch im Piano noch einen Hauch voller und geheimnisvoller klingen können, aber sonst gab es nichts auszusetzen am voller Hingabe zelebrierten Benediktus und Agnus Dei.

Zu dieser großartig komponierten und inszenierten Messe führte die Stiftsmusik mit drei kleineren Werken hin: dem »Te Deum« für die Kaiserin Marie Therese, mit einem ausdrucksstarken meditativen Zwischenteil und einem synkopischen, rasanten Finale. In eine Art Entrückung sang sich die Sopranistin in Mozarts »Laudate Dominum« aus »Vesperae solennes de Confessore« mit intensiven, sinnlich anschwellenden Tönen hinein, weich eingebettet von Streichern und Orgel (Lukas Wegleiter).

Der Chor wob sanft schwingend einen feinen Klangteppich dazu und kostete das »Amen« aus, mit einem reizvoll pointierten Einsatz der Männer. Seine Virtuosität zeigte er in der Chorfuge »Laudati pueri« aus den Vesperae. Als Zugabe bot die Stiftsmusik Mozarts »Ave verum«. Veronika Mergenthal